I, q. 24 a. 3
Ob jemand aus dem Buch des Lebens getilgt werden kann?
Quaestio 24 · Das Buch des Lebens
Einwand 1: Es scheint, dass niemand aus dem Buch des Lebens getilgt werden kann. Denn Augustinus sagt (De Civ. Dei xx, 15): „Gottes Vorherwissen, das nicht getäuscht werden kann, ist das Buch des Lebens.“ Aber nichts kann vom Vorherwissen Gottes weggenommen werden, noch von der Vorherbestimmung. Deshalb kann auch niemand aus dem Buch des Lebens getilgt werden.
Einwand 2: Ferner, was immer in einem Ding ist, ist darin gemäß der Beschaffenheit dieses Dinges. Aber das Buch des Lebens ist etwas Ewiges und Unveränderliches. Deshalb ist alles, was darin geschrieben steht, nicht auf zeitliche Weise dort, sondern unbeweglich und unlöschbar.
Einwand 3: Ferner ist das Tilgen das Gegenteil der Einschreibung. Aber niemand kann ein zweites Mal in das Buch des Lebens geschrieben werden. Deshalb kann er auch nicht getilgt werden.
Dagegen spricht, dass es heißt: „Sie sollen getilgt werden aus dem Buch der Lebenden“ (Ps 68,29).
Ich antworte darauf, dass einige gesagt haben, niemand könne tatsächlich aus dem Buch des Lebens getilgt werden, sondern nur in der Meinung der Menschen. Denn es ist in der Schrift üblich zu sagen, dass etwas geschieht, wenn es bekannt wird. So sagt man von einigen, sie seien im Buch des Lebens geschrieben, insofern die Menschen denken, sie seien dort geschrieben, aufgrund der gegenwärtigen Gerechtigkeit, die sie in ihnen sehen; wenn es aber offensichtlich wird, entweder in dieser Welt oder in der nächsten, dass sie von diesem Stand der Gerechtigkeit abgefallen sind, dann sagt man, sie seien getilgt worden. Und so erklärt eine Glosse die Stelle: „Sie sollen getilgt werden aus dem Buch der Lebenden.“ Aber weil das Nicht-getilgt-Werden aus dem Buch des Lebens unter die Belohnungen der Gerechten gerechnet wird, gemäß dem Text: „Wer siegt, wird ebenso mit weißen Gewändern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht aus dem Buch des Lebens tilgen“ (Offb 3,5) (und was heiligen Menschen versprochen wird, ist nicht bloß etwas in der Meinung der Menschen), kann daher gesagt werden, dass das Getilgt-Werden und Nicht-Getilgt-Werden aus dem Buch des Lebens nicht nur auf die Meinung der Menschen bezogen werden muss, sondern auf die Wirklichkeit der Tatsache. Denn das Buch des Lebens ist die Einschreibung jener, die zum ewigen Leben hingeordnet sind, worauf man aus zwei Quellen ausgerichtet wird; nämlich aus der Vorherbestimmung, welche Ausrichtung niemals fehlschlägt, und aus der Gnade; denn wer immer die Gnade hat, wird durch eben diese Tatsache für das ewige Leben geeignet. Diese Ausrichtung schlägt manchmal fehl; weil einige durch den Besitz der Gnade darauf ausgerichtet sind, das ewige Leben zu erlangen, es jedoch durch Todsünde verfehlen. Deshalb sind jene, die durch göttliche Vorherbestimmung zum Besitz des ewigen Lebens hingeordnet sind, schlechthin (simpliciter) im Buch des Lebens niedergeschrieben, weil sie darin geschrieben sind, um das ewige Leben in Wirklichkeit zu haben; solche werden niemals aus dem Buch des Lebens getilgt. Jene jedoch, die zum ewigen Leben hingeordnet sind, nicht durch göttliche Vorherbestimmung, sondern durch Gnade, werden nicht schlechthin, sondern in gewisser Hinsicht (secundum quid) als im Buch des Lebens geschrieben bezeichnet, denn sie sind darin nicht geschrieben, um das ewige Leben an sich zu haben, sondern nur in seiner Ursache. Doch obwohl von diesen Letzteren gesagt werden kann, dass sie aus dem Buch des Lebens getilgt werden, darf dieses Tilgen nicht auf Gott bezogen werden, als ob Gott eine Sache vorherwüsste und sie danach nicht wüsste; sondern auf die gewusste Sache, nämlich weil Gott weiß, dass jemand zuerst zum ewigen Leben hingeordnet ist und danach nicht mehr hingeordnet ist, wenn er von der Gnade abfällt.
Antwort auf Einwand 1: Der Akt des Tilgens bezieht sich nicht auf das Buch des Lebens hinsichtlich Gottes Vorherwissen, als ob in Gott irgendeine Veränderung wäre; sondern hinsichtlich der vorhergewussten Dinge, die sich ändern können.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl die Dinge unveränderlich in Gott sind, sind sie doch in sich selbst der Veränderung unterworfen. Darauf bezieht sich das Tilgen aus dem Buch des Lebens.
Antwort auf Einwand 3: Die Art und Weise, wie man als aus dem Buch des Lebens getilgt bezeichnet wird, ist jene, in der man als erneut darin eingeschrieben bezeichnet wird; entweder in der Meinung der Menschen oder weil man durch die Gnade erneut beginnt, eine Beziehung zum ewigen Leben zu haben; was ebenfalls im Wissen Gottes enthalten ist, wenngleich nicht von Neuem.