I, q. 24 a. 1
Ob das Buch des Lebens dasselbe ist wie die Vorherbestimmung?
Quaestio 24 · Das Buch des Lebens
Einwand 1: Es scheint, dass das Buch des Lebens nicht dasselbe ist wie die Vorherbestimmung. Denn es heißt: „Alles ist das Buch des Lebens“ (Sir 4,32) – das heißt, das Alte und das Neue Testament, gemäß einer Glosse. Dies ist jedoch nicht die Vorherbestimmung. Also ist das Buch des Lebens nicht die Vorherbestimmung.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (De Civ. Dei xx, 14), dass „das Buch des Lebens eine gewisse göttliche Kraft ist, durch die es geschieht, dass jedem seine guten oder bösen Werke ins Gedächtnis zurückgerufen werden.“ Aber göttliche Kraft gehört scheinbar nicht zur Vorherbestimmung, sondern eher zur göttlichen Macht. Deshalb ist das Buch des Lebens nicht dasselbe wie die Vorherbestimmung.
Einwand 3: Ferner steht die Verwerfung im Gegensatz zur Vorherbestimmung. Wenn also das Buch des Lebens dasselbe wäre wie die Vorherbestimmung, müsste es auch ein Buch des Todes geben, so wie es ein Buch des Lebens gibt.
Dagegen spricht, dass es in einer Glosse zu Ps 68,29 heißt: „Sie sollen aus dem Buch der Lebenden getilgt werden. Dieses Buch ist das Wissen Gottes, durch welches er jene zum Leben vorherbestimmt hat, die er vorhererkannte.“
Ich antworte darauf, dass das Buch des Lebens in Bezug auf Gott in einem metaphorischen Sinne verstanden wird, gemäß einem Vergleich mit menschlichen Angelegenheiten. Denn es ist unter Menschen üblich, dass jene, die für ein Amt erwählt werden, in ein Buch eingeschrieben werden; wie zum Beispiel Soldaten oder Ratsherren, die früher „eingeschriebene“ Väter (patres conscripti) genannt wurden. Nun ist aus dem Vorhergehenden (Frage [23], Artikel [4]) klar, dass alle Vorherbestimmten von Gott erwählt sind, das ewige Leben zu besitzen. Diese Einschreibung der Vorherbestimmten wird daher das Buch des Lebens genannt. Man sagt metaphorisch von einer Sache, sie sei in den Geist eines jemanden geschrieben, wenn sie fest im Gedächtnis behalten wird, gemäß Spr 3,1.3: „Vergiss meine Weisung nicht, und dein Herz bewahre meine Gebote“, und weiter: „Schreibe sie auf die Tafel deines Herzens.“ Denn Dinge werden in materielle Bücher niedergeschrieben, um dem Gedächtnis zu helfen. Daher wird das Wissen Gottes, durch welches er fest im Gedächtnis behält, dass er einige zum ewigen Leben vorherbestimmt hat, das Buch des Lebens genannt. Denn wie die Schrift in einem Buch das Zeichen für Dinge ist, die getan werden sollen, so ist das Wissen Gottes in Ihm ein Zeichen jener, die zum ewigen Leben geführt werden sollen, gemäß 2 Tim 2,19: „Das feste Fundament Gottes hat Bestand und trägt dieses Siegel: Der Herr kennt die Seinen.“
Antwort auf Einwand 1: Das Buch des Lebens kann in zweifachem Sinne verstanden werden. In einem Sinne als die Einschreibung jener, die zum Leben erwählt sind; so sprechen wir jetzt vom Buch des Lebens. In einem anderen Sinne kann die Einschreibung jener Dinge, die uns zum Leben führen, das Buch des Lebens genannt werden; und dies ist ebenfalls zweifach: entweder hinsichtlich der Dinge, die getan werden sollen, und so werden das Alte und das Neue Testament ein Buch des Lebens genannt; oder hinsichtlich der Dinge, die bereits getan wurden, und so wird jene göttliche Kraft, durch die es geschieht, dass jedem seine Taten ins Gedächtnis gerufen werden, als das Buch des Lebens bezeichnet. So kann auch jenes das Buch des Krieges genannt werden, sei es, dass es die eingeschriebenen Namen derer enthält, die für den Kriegsdienst erwählt wurden, oder von der Kriegskunst handelt, oder die Taten der Soldaten berichtet.
Daraus ergibt sich die Lösung des zweiten Einwands.
Antwort auf Einwand 3: Es ist Brauch, nicht jene einzuschreiben, die zurückgewiesen werden, sondern jene, die erwählt werden. Daher gibt es kein Buch des Todes, das der Verwerfung entspricht, so wie das Buch des Lebens der Vorherbestimmung entspricht.
Antwort auf Einwand 4: Vorherbestimmung und das Buch des Lebens sind verschiedene Aspekte derselben Sache. Denn letzteres impliziert das Wissen um die Vorherbestimmung, wie auch aus der oben zitierten Glosse deutlich wird.