I, q. 24 a. 2
Ob das Buch des Lebens nur das Leben der Herrlichkeit der Vorherbestimmten betrifft?
Quaestio 24 · Das Buch des Lebens
Einwand 1: Es scheint, dass das Buch des Lebens nicht nur das Leben der Herrlichkeit der Vorherbestimmten betrifft. Denn das Buch des Lebens ist das Wissen des Lebens. Gott aber kennt durch sein eigenes Leben alles andere Leben. Deshalb wird das Buch des Lebens im Hinblick auf das göttliche Leben so genannt, und nicht nur im Hinblick auf das Leben der Vorherbestimmten.
Einwand 2: Ferner, wie das Leben der Herrlichkeit von Gott kommt, so auch das Leben der Natur. Wenn also das Wissen um das Leben der Herrlichkeit das Buch des Lebens genannt wird, so sollte auch das Wissen um das Leben der Natur so genannt werden.
Einwand 3: Ferner werden einige zum Leben der Gnade erwählt, die nicht zum Leben der Herrlichkeit erwählt sind, wie aus dem Wort hervorgeht: „Habe ich nicht euch Zwölf erwählt? Und doch ist einer von euch ein Teufel“ (Joh 6,70). Aber das Buch des Lebens ist die Einschreibung der göttlichen Erwählung, wie oben gesagt (Artikel [1]). Deshalb bezieht es sich auch auf das Leben der Gnade.
Dagegen spricht, dass das Buch des Lebens das Wissen der Vorherbestimmung ist, wie oben gesagt (Artikel [1]). Aber die Vorherbestimmung betrifft nicht das Leben der Gnade, außer insofern es auf die Herrlichkeit ausgerichtet ist; denn jene sind nicht vorherbestimmt, die die Gnade haben und doch die Herrlichkeit nicht erlangen. Das Buch des Lebens wird also insgesamt nur im Hinblick auf das Leben der Herrlichkeit so genannt.
Ich antworte darauf, dass das Buch des Lebens, wie oben gesagt (Artikel [1]), eine Einschreibung oder ein Wissen von jenen impliziert, die zum Leben erwählt sind. Nun wird ein Mensch für etwas erwählt, das ihm nicht von Natur aus zukommt; und ferner hat das, wozu ein Mensch erwählt wird, den Charakter eines Ziels. Denn ein Soldat wird nicht bloß erwählt oder eingeschrieben, um eine Rüstung anzulegen, sondern um zu kämpfen; da dies die eigentliche Aufgabe ist, auf die der Kriegsdienst ausgerichtet ist. Aber das Leben der Herrlichkeit ist ein Ziel, das die menschliche Natur übersteigt, wie oben gesagt (Frage [23], Artikel [1]). Daher betrifft das Buch des Lebens im eigentlichen Sinne das Leben der Herrlichkeit.
Antwort auf Einwand 1: Das göttliche Leben, selbst als Leben der Herrlichkeit betrachtet, ist Gott natürlich; daher gibt es in Bezug auf Ihn keine Erwählung und folglich kein Buch des Lebens: denn wir sagen nicht, dass jemand erwählt wird, um die Sinneskraft zu besitzen oder irgendeines jener Dinge, die aus der Natur folgen.
Daraus entnehmen wir die Antwort auf den zweiten Einwand. Denn es gibt keine Erwählung und kein Buch des Lebens in Bezug auf das Leben der Natur.
Antwort auf Einwand 3: Das Leben der Gnade hat nicht den Charakter eines Ziels, sondern von etwas, das auf ein Ziel ausgerichtet ist. Daher wird niemand zum Leben der Gnade erwählt genannt, außer insofern das Leben der Gnade auf die Herrlichkeit ausgerichtet ist. Aus diesem Grund werden jene, die zwar die Gnade besitzen, aber die Herrlichkeit nicht erlangen, nicht schlechthin (simpliciter) als erwählt bezeichnet, sondern nur in gewisser Hinsicht (secundum quid). Ebenso sagt man nicht, dass sie schlechthin im Buch des Lebens geschrieben stehen, sondern in gewisser Hinsicht; das heißt, dass es in der Anordnung und dem Wissen Gottes liegt, dass sie eine gewisse Beziehung zum ewigen Leben haben sollen, gemäß ihrer Teilhabe an der Gnade.