I, q. 20 a. 2
Ob Gott alle Dinge liebt?
Quaestio 20 · Die Liebe Gottes
1. Einwand: Es scheint, dass Gott nicht alle Dinge liebt. Denn gemäß Dionysius (Div. Nom. 4, 1) versetzt die Liebe den Liebenden außer sich und bewirkt, dass er gleichsam in den Gegenstand seiner Liebe übergeht. Es ist aber nicht zulässig zu sagen, dass Gott außer sich versetzt wird und in andere Dinge übergeht. Also ist es unzulässig zu sagen, dass Gott andere Dinge als sich selbst liebt.
2. Einwand: Ferner ist die Liebe Gottes ewig. Die Dinge außer Gott aber sind nicht von Ewigkeit her, außer in Gott. Also liebt Gott nichts, außer wie es in Ihm selbst existiert. Als in Ihm existierend ist es aber nichts anderes als Er selbst. Also liebt Gott keine anderen Dinge als sich selbst.
3. Einwand: Ferner ist die Liebe zweifach – nämlich die Liebe des Begehrens und die Liebe der Freundschaft. Nun liebt Gott die vernunftlosen Geschöpfe nicht mit der Liebe des Begehrens, da Er keines Geschöpfes außerhalb seiner selbst bedarf. Noch mit der Liebe der Freundschaft; da es keine Freundschaft mit vernunftlosen Geschöpfen geben kann, wie der Philosoph zeigt (Ethic. viii, 2). Also liebt Gott nicht alle Dinge.
4. Einwand: Ferner steht geschrieben (Ps 5,7): „Du hassest alle, die Unrecht tun.“ Nun wird nichts zur gleichen Zeit gehasst und geliebt. Also liebt Gott nicht alle Dinge.
Dagegen spricht, dass gesagt wird (Weish 11,25): „Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von dem, was Du gemacht hast.“
Ich antworte darauf, dass Gott alle existierenden Dinge liebt. Denn alle existierenden Dinge sind, insofern sie existieren, gut, da das Dasein eines Dinges selbst ein Gut ist, und ebenso jede Vollkommenheit, die es besitzt. Nun wurde oben gezeigt (Frage 19, Artikel 4), dass Gottes Wille die Ursache aller Dinge ist. Es muss daher notwendigerweise so sein, dass ein Ding nur insofern Dasein oder irgendeine Art von Gut hat, als es von Gott gewollt ist. Jedem existierenden Ding also will Gott irgendein Gut. Da nun etwas zu lieben nichts anderes ist, als jenem Ding Gutes zu wollen, ist es offenkundig, dass Gott alles liebt, was existiert. Doch nicht so, wie wir lieben. Denn da unser Wille nicht die Ursache der Güte der Dinge ist, sondern von ihr als von seinem Objekt bewegt wird, ist unsere Liebe, durch die wir einem Ding Gutes wollen, nicht die Ursache seiner Güte; sondern umgekehrt ruft seine Güte, ob real oder eingebildet, unsere Liebe hervor, durch die wir wollen, dass es das Gut bewahre, das es hat, und zudem das Gut empfange, das es nicht hat, und zu diesem Zweck richten wir unsere Handlungen aus: Die Liebe Gottes hingegen gießt die Güte ein und erschafft sie.
Antwort auf den 1. Einwand: Ein Liebender wird außer sich versetzt und dazu gebracht, in den Gegenstand seiner Liebe überzugehen, insofern er dem Geliebten Gutes will und durch seine Vorsehung für dieses Gut wirkt, so wie er für sein eigenes wirkt. Daher sagt Dionysius (Div. Nom. 4, 1): „Im Namen der Wahrheit müssen wir sogar dies zu sagen wagen, dass Er selbst, die Ursache aller Dinge, durch seine überströmende Liebe und Güte, durch seine Vorsehung für alle existierenden Dinge außer sich versetzt wird.“
Antwort auf den 2. Einwand: Obwohl die Geschöpfe nicht von Ewigkeit her existiert haben, außer in Gott, so hat Gott sie doch, weil sie von Ewigkeit her in Ihm waren, ewig in ihren eigenen Naturen erkannt; und aus diesem Grund hat Er sie geliebt, so wie auch wir durch die Bilder der Dinge in uns die Dinge erkennen, die in sich selbst existieren.
Antwort auf den 3. Einwand: Freundschaft kann nicht existieren außer gegenüber vernunftbegabten Geschöpfen, die fähig sind, Liebe zu erwidern und in den verschiedenen Werken des Lebens miteinander Gemeinschaft zu haben, und denen es gut oder schlecht ergehen kann, gemäß den Wechseln von Glück und Unglück; so wie ihnen gegenüber im eigentlichen Sinne Wohlwollen geübt wird. Aber vernunftlose Geschöpfe können nicht dazu gelangen, Gott zu lieben, noch irgendeinen Anteil an dem geistigen und beseligenden Leben haben, das Er lebt. Streng genommen liebt Gott daher vernunftlose Geschöpfe nicht mit der Liebe der Freundschaft, sondern gleichsam mit der Liebe des Begehrens, insofern Er sie auf die vernunftbegabten Geschöpfe und sogar auf Sich selbst hinordnet. Dies jedoch nicht, weil Er ihrer bedürfte, sondern nur aufgrund seiner Güte und der Dienste, die sie uns leisten. Denn wir können ein Ding sowohl für andere als auch für uns selbst begehren.
Antwort auf den 4. Einwand: Nichts hindert daran, dass ein und dasselbe Ding unter einem Aspekt geliebt wird, während es unter einem anderen gehasst wird. Gott liebt die Sünder, insofern sie existierende Naturen sind; denn sie haben das Dasein und haben es von Ihm. Insofern sie Sünder sind, haben sie überhaupt kein Dasein, sondern ermangeln dessen; und dies ist in ihnen nicht von Gott. Daher werden sie unter diesem Aspekt von Ihm gehasst.