I, q. 20 a. 1
Ob es in Gott Liebe gibt?
Quaestio 20 · Die Liebe Gottes
1. Einwand: Es scheint, dass es in Gott keine Liebe gibt. Denn in Gott gibt es keine Leidenschaften. Liebe aber ist eine Leidenschaft. Also ist Liebe nicht in Gott.
2. Einwand: Ferner sind Liebe, Zorn, Trauer und dergleichen gegeneinander abgeteilt. Trauer und Zorn aber werden Gott nicht zugeschrieben, außer im metaphorischen Sinne. Also wird Ihm auch die Liebe nicht zugeschrieben.
3. Einwand: Ferner sagt Dionysius (Div. Nom. 4): „Liebe ist eine vereinigende und bindende Kraft.“ Dies aber kann in Gott nicht stattfinden, da Er einfach ist. Also gibt es in Gott keine Liebe.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht: „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,16).
Ich antworte darauf, dass wir notwendigerweise behaupten müssen, dass es in Gott Liebe gibt. Denn die Liebe ist die erste Regung des Willens und eines jeden Begehrungsvermögens. Da nämlich die Akte des Willens und eines jeden Begehrungsvermögens auf das Gute und das Böse als ihre eigentlichen Objekte gerichtet sind, und da das Gute wesenhaft und vornehmlich das Objekt des Willens und des Begehrens ist, das Böse hingegen nur sekundär und indirekt, nämlich als Gegensatz zum Guten, so folgt daraus, dass die Akte des Willens und des Begehrens, die sich auf das Gute beziehen, von Natur aus früher sein müssen als jene, die sich auf das Böse beziehen. So ist zum Beispiel die Freude früher als die Trauer, die Liebe früher als der Hass; denn was aus sich selbst heraus existiert, ist immer früher als das, was durch ein anderes existiert.
Ferner ist das Allgemeinere von Natur aus früher als das weniger Allgemeine. Daher ist der Intellekt zuerst auf die allgemeine Wahrheit gerichtet und an zweiter Stelle auf partikulare und spezielle Wahrheiten. Nun gibt es gewisse Akte des Willens und des Begehrens, die das Gute unter einer speziellen Bedingung betrachten, wie Freude und Genuss das gegenwärtige und besessene Gute betrachten, während Verlangen und Hoffnung das noch nicht besessene Gute betrachten. Die Liebe jedoch betrachtet das Gute im Allgemeinen, ob es nun besessen wird oder nicht. Daher ist die Liebe von Natur aus der erste Akt des Willens und des Begehrens; weshalb alle anderen Bewegungen des Begehrens die Liebe als ihre Wurzel und ihren Ursprung voraussetzen. Denn niemand begehrt etwas oder freut sich über etwas, außer als ein Gut, das geliebt wird; noch ist irgendetwas ein Objekt des Hasses, außer als Gegensatz zum Objekt der Liebe. Ebenso ist klar, dass Trauer und andere Dinge, die ihr gleichen, auf die Liebe als ihr erstes Prinzip zurückgeführt werden müssen. Daher muss in jedem, in dem Wille und Begehren sind, auch Liebe sein; denn wenn das Erste fehlt, fehlt auch alles Folgende. Nun wurde gezeigt, dass Wille in Gott ist (Frage 19, Artikel 1), und daher müssen wir Ihm Liebe zuschreiben.
Antwort auf den 1. Einwand: Das Erkenntnisvermögen bewegt nicht, außer durch das Medium des Begehrungsvermögens. Und so wie in uns die allgemeine Vernunft durch das Medium der partikularen Vernunft bewegt, wie in De Anima iii, 58, 75 dargelegt, so bewegt in uns das geistige Begehren, oder der Wille, wie er genannt wird, durch das Medium des sinnlichen Begehrens. Daher ist in uns das sinnliche Begehren die unmittelbare Bewegkraft unserer Körper. Eine gewisse körperliche Veränderung begleitet daher immer einen Akt des sinnlichen Begehrens, und diese Veränderung betrifft besonders das Herz, welches, wie der Philosoph sagt (De part. animal. iii, 4), das erste Prinzip der Bewegung in den Lebewesen ist. Daher werden Akte des sinnlichen Begehrens, insofern ihnen eine körperliche Veränderung angefügt ist, Leidenschaften genannt; Akte des Willens hingegen werden nicht so genannt. Liebe, Freude und Genuss sind daher Leidenschaften, insofern sie Akte des sinnlichen Begehrens bezeichnen; insofern sie aber Akte des geistigen Begehrens bezeichnen, sind sie keine Leidenschaften. In diesem letzteren Sinne sind sie in Gott. Daher sagt der Philosoph (Ethic. vii): „Gott freut sich durch eine Tätigkeit, die eine und einfach ist“, und aus demselben Grund liebt Er ohne Leidenschaft.
Antwort auf den 2. Einwand: In den Leidenschaften des sinnlichen Begehrens kann ein gewisses materielles Element unterschieden werden – nämlich die körperliche Veränderung – und ein gewisses formales Element, welches auf Seiten des Begehrens liegt. So ist beim Zorn, wie der Philosoph sagt (De Anima iii, 15, 63, 64), das materielle Element das Aufwallen des Blutes um das Herz; das formale aber das Begehren nach Rache. Ferner ist hinsichtlich des formalen Elements gewisser Leidenschaften eine gewisse Unvollkommenheit impliziert, wie beim Verlangen, das sich auf das Gut bezieht, das wir nicht haben, und bei der Trauer, die sich auf das Übel bezieht, das wir haben. Dies gilt auch für den Zorn, der Trauer voraussetzt. Gewisse andere Leidenschaften jedoch, wie Liebe und Freude, implizieren keine Unvollkommenheit. Da also keine dieser Leidenschaften Gott hinsichtlich ihrer materiellen Seite zugeschrieben werden kann, wie gesagt wurde (ad 1), so können auch jene, die selbst auf ihrer formalen Seite Unvollkommenheit implizieren, Ihm nicht zugeschrieben werden, außer metaphorisch und aufgrund der Ähnlichkeit der Wirkungen, wie bereits gezeigt wurde (Frage 3, Artikel 2, ad 2; Frage 19, Artikel 11). Jene hingegen, die keine Unvollkommenheit implizieren, wie Liebe und Freude, können Gott im eigentlichen Sinne ausgesagt werden, jedoch ohne Ihm Leidenschaft zuzuschreiben, wie zuvor gesagt (Frage 19, Artikel 11).
Antwort auf den 3. Einwand: Ein Akt der Liebe tendiert immer zu zwei Dingen: zu dem Guten, das man will, und zu der Person, für die man es will; denn eine Person zu lieben heißt, dieser Person Gutes zu wünschen. Insofern wir uns also selbst lieben, wünschen wir uns Gutes; und, soweit möglich, die Vereinigung mit diesem Guten. So wird die Liebe die vereinigende Kraft genannt, selbst in Gott, jedoch ohne Zusammensetzung zu implizieren; denn das Gute, das Er für Sich selbst will, ist kein anderes als Er selbst, der durch sein Wesen gut ist, wie oben gezeigt (Frage 6, Artikel 1, 3). Und durch die Tatsache, dass jemand einen anderen liebt, will er jenem anderen Gutes. So setzt er den anderen gleichsam an die Stelle seiner selbst und betrachtet das jenem angetane Gute als ihm selbst angetan. Insofern ist die Liebe eine bindende Kraft, da sie einen anderen uns selbst angliedert und sein Wohl auf unser eigenes bezieht. Und dann wiederum ist die göttliche Liebe eine bindende Kraft, insofern Gott anderen Gutes will; doch impliziert dies keine Zusammensetzung in Gott.