I, q. 15 a. 2
Ob es viele Ideen gibt?
Quaestio 15 · Von den Ideen
Einwand 1: Es scheint, dass es nicht viele Ideen gibt. Denn eine Idee in Gott ist sein Wesen. Aber Gottes Wesen ist nur eines. Daher gibt es nur eine Idee.
Einwand 2: Ferner, wie die Idee Prinzip des Erkennens und Wirkens ist, so sind es auch Kunst und Weisheit. Aber in Gott gibt es nicht mehrere Künste oder Weisheiten. Daher gibt es in Ihm keine Vielzahl von Ideen.
Einwand 3: Ferner, wenn gesagt wird, dass Ideen gemäß ihren Beziehungen zu verschiedenen Geschöpfen vervielfältigt werden, so kann dagegen argumentiert werden, dass die Vielzahl der Ideen ewig ist. Wenn also die Ideen viele sind, die Geschöpfe aber zeitlich, dann müsste das Zeitliche die Ursache des Ewigen sein.
Einwand 4: Ferner sind diese Beziehungen entweder nur in den Geschöpfen real oder auch in Gott. Wenn nur in den Geschöpfen, so kann, da die Geschöpfe nicht von Ewigkeit her sind, die Vielzahl der Ideen nicht von Ewigkeit her sein, wenn Ideen nur gemäß diesen Beziehungen vervielfältigt werden. Wenn sie aber real in Gott sind, folgt daraus, dass es eine reale Vielzahl in Gott gibt, die von der Vielzahl der Personen verschieden ist: und dies ist gegen die Lehre des Damuscenus (De Fide Orth. i, 10), der sagt, in Gott sei alles eins, außer „Unerzeugtheit, Zeugung und Hervorgang“. Daher sind die Ideen nicht viele.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Octog. Tri. Quaest. qu. xlvi): „Ideen sind gewisse Hauptformen oder bleibende und unveränderliche Typen der Dinge, die selbst nicht geformt sind. So sind sie ewig und existieren immer auf dieselbe Weise, da sie in der göttlichen Intelligenz enthalten sind. Während sie selbst jedoch weder entstehen noch vergehen, sagen wir doch, dass in Übereinstimmung mit ihnen alles geformt wird, was entstehen oder vergehen kann, und alles, was dies tatsächlich tut.“
Ich antworte darauf, dass man notwendigerweise annehmen muss, dass es viele Ideen gibt. Zum Beweis dessen ist zu bedenken, dass in jeder Wirkung das letzte Ziel die eigentliche Absicht des Hauptwirkenden ist, wie die Ordnung eines Heeres (die eigentliche Absicht) des Feldherrn ist. Nun ist das höchste Gut, das in den Dingen existiert, das Gut der Ordnung des Universums, wie der Philosoph in Metaph. xii klar lehrt. Daher ist die Ordnung des Universums eigentlich von Gott beabsichtigt und nicht das zufällige Ergebnis einer Abfolge von Wirkenden, wie von jenen angenommen wurde, die lehrten, dass Gott nur das erste Geschöpf erschuf und dass dieses Geschöpf das zweite Geschöpf erschuf, und so weiter, bis diese große Menge von Wesen hervorgebracht war. Nach dieser Meinung hätte Gott allein die Idee des ersten geschaffenen Dinges; wohingegen, wenn die Ordnung des Universums selbst unmittelbar von Ihm geschaffen und von Ihm beabsichtigt wurde, Er die Idee der Ordnung des Universums haben muss. Nun kann es keine Idee eines Ganzen geben, wenn man nicht besondere Ideen von jenen Teilen hat, aus denen das Ganze besteht; so wie ein Baumeister nicht die Idee eines Hauses konzipieren kann, wenn er nicht die Idee eines jeden seiner Teile hat. So muss es also notwendigerweise sein, dass im göttlichen Geist die eigentlichen Ideen aller Dinge sind. Daher sagt Augustinus (Octog. Tri. Quaest. qu. xlvi), „dass jedes Ding von Gott gemäß der ihm eigenen Idee geschaffen wurde“, woraus folgt, dass im göttlichen Geist die Ideen viele sind.
Nun kann leicht gesehen werden, wie dies der Einfachheit Gottes nicht widerspricht, wenn wir bedenken, dass die Idee eines Werkes im Geist des Wirkenden als das ist, was verstanden wird, und nicht als das Bild, durch das er versteht, welches eine Form ist, die den Intellekt in den Akt setzt. Denn die Form des Hauses im Geist des Baumeisters ist etwas von ihm Verstandenes, nach dessen Ähnlichkeit er das Haus in der Materie formt. Nun widerspricht es der Einfachheit des göttlichen Geistes nicht, dass er viele Dinge versteht; obwohl es seiner Einfachheit widersprechen würde, wenn sein Verstehen durch eine Vielzahl von Bildern geformt würde. Daher existieren viele Ideen im göttlichen Geist als Dinge, die von ihm verstanden werden; wie folgendermaßen bewiesen werden kann. Insofern Er sein eigenes Wesen vollkommen erkennt, erkennt Er es gemäß jeder Weise, in der es erkannt werden kann. Nun kann es nicht nur so erkannt werden, wie es in sich selbst ist, sondern auch so, wie daran von Geschöpfen gemäß einem gewissen Grad der Ähnlichkeit teilgenommen werden kann. Aber jedes Geschöpf hat seine eigene Art, gemäß der es in einem gewissen Grad an der Ähnlichkeit zum göttlichen Wesen teilhat. Insofern Gott also sein Wesen als fähig zu solcher Nachahmung durch irgendein Geschöpf erkennt, erkennt Er es als den besonderen Typus und die Idee jenes Geschöpfes; und in gleicher Weise in Bezug auf andere Geschöpfe. So ist es klar, dass Gott viele besondere Typen der Dinge versteht, und dies sind viele Ideen.
Antwort auf Einwand 1: Das göttliche Wesen wird nicht insofern Idee genannt, als es jenes Wesen ist, sondern nur insofern es die Ähnlichkeit oder der Typus dieses oder jenes Dinges ist. Daher sagt man, dass die Ideen viele sind, insofern viele Typen durch ein und dasselbe Wesen verstanden werden.
Antwort auf Einwand 2: Mit Weisheit und Kunst bezeichnen wir das, wodurch Gott versteht; mit Idee aber das, was Gott versteht. Denn Gott versteht durch eines viele Dinge, und das nicht nur gemäß dem, was sie in sich selbst sind, sondern auch gemäß dem, wie sie verstanden werden, und dies heißt, die verschiedenen Typen der Dinge zu verstehen. In gleicher Weise sagt man, dass ein Architekt ein Haus versteht, wenn er die Form des Hauses in der Materie versteht. Aber wenn er die Form eines Hauses versteht, wie sie von ihm selbst ersonnen wurde, versteht er dadurch, dass er versteht, dass er sie versteht, den Typus oder die Idee des Hauses. Nun versteht Gott nicht nur viele Dinge durch sein Wesen, sondern Er versteht auch, dass Er viele Dinge durch sein Wesen versteht. Und dies bedeutet, dass Er die verschiedenen Typen der Dinge versteht; oder dass viele Ideen in seinem Intellekt sind als von Ihm verstanden.
Antwort auf Einwand 3: Solche Beziehungen, durch welche die Ideen vervielfältigt werden, werden nicht durch die Dinge selbst verursacht, sondern dadurch, dass der göttliche Intellekt sein eigenes Wesen mit diesen Dingen vergleicht.
Antwort auf Einwand 4: Beziehungen, die Ideen vervielfältigen, existieren nicht in den geschaffenen Dingen, sondern in Gott. Doch sind sie keine realen Beziehungen, wie jene, durch welche die Personen unterschieden werden, sondern Beziehungen, die von Gott verstanden werden.