I, q. 15 a. 1
Ob es Ideen gibt?
Quaestio 15 · Von den Ideen
Einwand 1: Es scheint, dass es keine Ideen gibt. Denn Dionysius sagt (Div. Nom. vii), dass Gott die Dinge nicht durch Ideen erkennt. Aber Ideen dienen zu nichts anderem, als dass Dinge durch sie erkannt werden. Daher gibt es keine Ideen.
Einwand 2: Ferner erkennt Gott alle Dinge in sich selbst, wie bereits gesagt wurde (Frage [14], Artikel [5]). Aber Er erkennt sich selbst nicht durch eine Idee; folglich auch nicht die anderen Dinge.
Einwand 3: Ferner wird eine Idee als Prinzip des Erkennens und Handelns betrachtet. Aber das göttliche Wesen ist ein hinreichendes Prinzip, um alle Dinge zu erkennen und zu bewirken. Es ist daher nicht notwendig, Ideen anzunehmen.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Octog. Tri. Quaest. qu. xlvi): „So groß ist die Kraft, die den Ideen innewohnt, dass niemand weise sein kann, wenn sie nicht verstanden werden.“
Ich antworte darauf, dass es notwendig ist, Ideen im göttlichen Geist anzunehmen. Denn das griechische Wort {Idea} heißt im Lateinischen „forma“. Daher werden unter Ideen die Formen der Dinge verstanden, die getrennt von den Dingen selbst existieren. Nun kann die Form irgendeines Dinges, die getrennt vom Ding selbst existiert, zu einem von zwei Zwecken dienen: entweder um das Vorbild dessen zu sein, dessen Form sie genannt wird, oder um das Prinzip der Erkenntnis jenes Dinges zu sein, insofern man sagt, dass die Formen der erkennbaren Dinge in dem sind, der sie erkennt. In beiden Fällen müssen wir Ideen annehmen, wie aus folgendem Grund klar wird:
In allen Dingen, die nicht durch Zufall entstehen, muss die Form das Ziel jeglicher Erzeugung sein. Ein Wirkender handelt jedoch nicht um der Form willen, außer insofern die Ähnlichkeit der Form im Wirkenden ist; was auf zwei Arten geschehen kann. Denn in einigen Wirkenden präexistiert die Form des herzustellenden Dinges gemäß ihrem natürlichen Sein, wie in jenen, die durch ihre Natur wirken; so wie ein Mensch einen Menschen zeugt oder Feuer Feuer erzeugt. In anderen Wirkenden hingegen (präexistiert die Form des herzustellenden Dinges) gemäß einem intelligiblen Sein, wie in jenen, die durch den Verstand wirken; und so präexistiert die Ähnlichkeit eines Hauses im Geist des Baumeisters. Und dies kann die Idee des Hauses genannt werden, da der Baumeister beabsichtigt, sein Haus gleich der Form zu bauen, die er in seinem Geist konzipiert hat. Da nun die Welt nicht durch Zufall entstanden ist, sondern durch Gott, der durch seinen Verstand wirkt, wie später gezeigt wird (Frage [46], Artikel [1]), muss im göttlichen Geist eine Form existieren, nach deren Ähnlichkeit die Welt gemacht wurde. Und darin besteht der Begriff einer Idee.
Antwort auf Einwand 1: Gott erkennt die Dinge nicht gemäß einer Idee, die außerhalb seiner selbst existiert. So weist Aristoteles (Metaph. ix) die Meinung Platons zurück, der vertrat, dass Ideen aus sich selbst heraus existierten und nicht im Intellekt.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl Gott sich selbst und alles andere durch sein eigenes Wesen erkennt, ist sein Wesen doch das wirkende Prinzip aller Dinge, außer seiner selbst. Es hat daher die Natur einer Idee in Bezug auf andere Dinge; jedoch nicht in Bezug auf sich selbst.
Antwort auf Einwand 3: Gott ist die Ähnlichkeit aller Dinge gemäß seinem Wesen; daher ist eine Idee in Gott identisch mit seinem Wesen.