I, q. 118 a. 2
Ob die geistige Seele aus dem Samen hervorgebracht wird?
Quaestio 118 · Von der Hervorbringung des Menschen aus dem Menschen hinsichtlich der Seele
Einwand 1: Es scheint, dass die geistige Seele aus dem Samen hervorgebracht wird. Denn es steht geschrieben (Gen 46,26): „Alle Seelen, die aus [Jakobs] Lenden hervorgingen, waren sechsundsechzig.“ Aber nichts wird aus den Lenden eines Mannes hervorgebracht außer durch den Samen. Daher wird die geistige Seele aus dem Samen hervorgebracht.
Einwand 2: Ferner sind, wie oben gezeigt (Quaestio [76], Artikel [3]), die geistige, die sinnliche und die vegetative Seele der Substanz nach eine einzige Seele im Menschen. Aber die sinnliche Seele im Menschen wird aus dem Samen gezeugt, wie bei anderen Tieren; weshalb der Philosoph sagt (De Gener. Animal. ii, 3), dass das Tier und der Mensch nicht zur gleichen Zeit gemacht werden, sondern zuerst das Tier gemacht wird, das eine sinnliche Seele hat. Daher wird auch die geistige Seele aus dem Samen hervorgebracht.
Einwand 3: Ferner ist es ein und dasselbe Agens, dessen Handlung auf den Stoff und auf die Form gerichtet ist: sonst würde aus Stoff und Form nicht etwas einfachhin Eines resultieren. Aber die geistige Seele ist die Form des menschlichen Körpers, welcher durch die Kraft des Samens hervorgebracht wird. Daher wird auch die geistige Seele durch die Kraft des Samens hervorgebracht.
Einwand 4: Ferner zeugt der Mensch seinesgleichen der Art nach. Aber die menschliche Art wird durch die vernünftige Seele konstituiert. Daher ist die vernünftige Seele vom Erzeuger.
Einwand 5: Ferner kann man nicht sagen, dass Gott bei der Sünde mitwirkt. Wenn aber die vernünftige Seele von Gott erschaffen wird, wirkt Gott manchmal bei der Sünde des Ehebruchs mit, da manchmal Nachkommen aus unerlaubtem Verkehr gezeugt werden. Daher wird die vernünftige Seele nicht von Gott erschaffen.
Dagegen spricht, was in De Eccl. Dogmat. xiv geschrieben steht: „Die vernünftige Seele wird nicht durch Begattung erzeugt.“
Ich antworte darauf, dass es unmöglich ist, dass eine aktive Kraft, die in der Materie existiert, ihre Wirkung auf die Hervorbringung eines immateriellen Effekts ausdehnt. Nun ist es offenkundig, dass das intellektuelle Prinzip im Menschen die Materie übersteigt; denn es hat eine Tätigkeit, an der der Körper keinerlei Anteil hat. Es ist daher unmöglich, dass die samenschaffende Kraft das intellektuelle Prinzip hervorbringt.
Wiederum wirkt die samenschaffende Kraft kraft der Seele des Erzeugers, insofern die Seele des Erzeugers der Akt des Körpers ist und sich bei ihrer Tätigkeit des Körpers bedient. Der Körper hat aber rein gar nichts mit der Tätigkeit des Intellekts zu tun. Daher kann die Kraft des intellektuellen Prinzips, als intellektuell, den Samen nicht erreichen. Daher sagt der Philosoph (De Gener. Animal. ii, 3): „Es bleibt, dass der Intellekt allein von außen kommt.“
Wiederum, da die geistige Seele eine vom Körper unabhängige Tätigkeit hat, ist sie subsistierend, wie oben bewiesen wurde (Quaestio [75], Artikel [2]): daher kommen ihr Sein und Gemachtwerden als Eigentum zu. Da sie überdies eine immaterielle Substanz ist, kann sie nicht durch Zeugung, sondern nur durch Schöpfung von Gott verursacht werden. Zu behaupten, die geistige Seele werde vom Erzeuger verursacht, ist daher nichts anderes, als die Seele für nicht-subsistierend zu halten und folglich, dass sie mit dem Körper vergeht. Es ist daher häretisch zu sagen, die geistige Seele werde mit dem Samen übertragen.
Antwort auf Einwand 1: In der zitierten Passage wird der Teil für das Ganze gesetzt, die Seele für den ganzen Menschen, durch die Figur der Synekdoche.
Antwort auf Einwand 2: Einige sagen, dass die beim Embryo beobachteten Lebensfunktionen nicht von seiner Seele stammen, sondern von der Seele der Mutter; oder von der bildenden Kraft des Samens. Beide Erklärungen sind falsch; denn Lebensfunktionen wie Empfinden, Ernährung und Wachstum können nicht von einem äußeren Prinzip stammen. Folglich muss gesagt werden, dass die Seele im Embryo ist; die vegetative Seele von Anfang an, dann die sinnliche, zuletzt die geistige Seele.
Daher sagen einige, dass zusätzlich zur vegetativen Seele, die zuerst existierte, eine andere, nämlich die sinnliche Seele, hinzukommt; und zusätzlich zu dieser wiederum eine andere, nämlich die geistige Seele. So wären im Menschen drei Seelen, von denen eine in Potenz zur anderen wäre. Dies wurde oben widerlegt (Quaestio [76], Artikel [3]).
Daher sagen andere, dass dieselbe Seele, die zuerst bloß vegetativ war, danach durch die Wirkung der samenschaffenden Kraft zu einer sinnlichen Seele wird; und schließlich wird dieselbe Seele geistig, zwar nicht durch die aktive samenschaffende Kraft, sondern durch die Kraft eines höheren Agens, nämlich Gott, der (die Seele) von außen erleuchtet. Aus diesem Grund sagt der Philosoph, dass der Intellekt von außen kommt. Aber das ist nicht haltbar. Erstens, weil keine substantielle Form ein Mehr oder Weniger zulässt; sondern die Hinzufügung größerer Vollkommenheit begründet eine andere Art, so wie die Hinzufügung der Einheit eine andere Art der Zahl begründet. Nun ist es nicht möglich, dass dieselbe identische Form zu verschiedenen Arten gehört. Zweitens, weil folgen würde, dass die Zeugung eines Tieres eine kontinuierliche Bewegung wäre, die allmählich vom Unvollkommenen zum Vollkommenen fortschreitet, wie es bei der Veränderung (alteratio) geschieht. Drittens, weil folgen würde, dass die Zeugung eines Menschen oder eines Tieres keine Zeugung einfachhin ist, weil ihr Subjekt ein Seiendes im Akt wäre. Denn wenn die vegetative Seele von Anfang an im Stoff des Nachkommen ist und anschließend allmählich zur Vollkommenheit gebracht wird, impliziert dies die Hinzufügung weiterer Vollkommenheit ohne das Vergehen der vorhergehenden Vollkommenheit. Und dies widerspricht der Natur der Zeugung im eigentlichen Sinne. Viertens, weil entweder das, was durch die Handlung Gottes verursacht wird, etwas Subsistierendes ist: und so muss es wesenhaft von der präexistierenden Form verschieden sein, die nicht-subsistierend war; und wir kämen dann auf die Meinung jener zurück, die die Existenz mehrerer Seelen im Körper behaupteten – oder aber es ist nicht subsistierend, sondern eine Vervollkommnung der präexistierenden Seele: und daraus folgt notwendigerweise, dass die geistige Seele mit dem Körper vergeht, was nicht zugelassen werden kann.
Es gibt noch eine weitere Erklärung gemäß jenen, die behaupteten, alle Menschen hätten nur einen einzigen gemeinsamen Intellekt: aber dies wurde oben widerlegt (Quaestio [76], Artikel [2]).
Wir müssen daher sagen: Da die Zeugung des einen das Vergehen des anderen ist, folgt notwendigerweise, dass sowohl bei Menschen als auch bei anderen Tieren, wenn eine vollkommenere Form hinzukommt, die vorherige Form vergeht: jedoch so, dass die hinzukommende Form die Vollkommenheit der vorherigen Form enthält und noch etwas dazu. Auf diese Weise gelangen wir durch viele Zeugungen und Vergehen zur letzten substantiellen Form, sowohl beim Menschen als auch bei anderen Tieren. Dies ist in der Tat bei Tieren, die aus Fäulnis gezeugt werden, für die Sinne offensichtlich. Wir schließen daher, dass die geistige Seele am Ende der menschlichen Zeugung von Gott erschaffen wird, und diese Seele ist zugleich sinnlich und vegetativ, wobei die präexistierenden Formen vergehen.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument gilt im Falle verschiedener Wirkursachen, die nicht aufeinander hingeordnet sind. Wo aber viele Wirkursachen aufeinander hingeordnet sind, hindert nichts daran, dass die Kraft des höheren Agens bis zur letzten Form reicht, während die Kräfte der niederen Agentien sich nur auf eine gewisse Disposition der Materie erstrecken: so disponiert bei der Zeugung eines Tieres die samenschaffende Kraft die Materie, aber die Kraft der Seele gibt die Form. Nun ist aus dem oben Gesagten (Quaestio [105], Artikel [5]; Quaestio [110], Artikel [1]) offenkundig, dass die gesamte körperliche Natur als Werkzeug einer geistigen Kraft wirkt, besonders der Gottes. Daher hindert nichts daran, dass die Bildung des Körpers auf eine körperliche Kraft zurückzuführen ist, während die geistige Seele von Gott allein ist.
Antwort auf Einwand 4: Der Mensch zeugt seinesgleichen, insofern durch seine samenschaffende Kraft die Materie für den Empfang einer gewissen Art von Form disponiert wird.
Antwort auf Einwand 5: In der Handlung des Ehebrechers ist das, was von der Natur ist, gut; hierbei wirkt Gott mit. Aber was dort an ungeordneter Begierde ist, ist böse; hierbei wirkt Gott nicht mit.