I, q. 118 a. 1
Ob die sinnliche Seele durch den Samen übertragen wird?
Quaestio 118 · Von der Hervorbringung des Menschen aus dem Menschen hinsichtlich der Seele
Einwand 1: Es scheint, dass die sinnliche Seele nicht mit dem Samen übertragen, sondern von Gott erschaffen wird. Denn jede vollkommene Substanz, die nicht aus Stoff und Form zusammengesetzt ist und zu existieren beginnt, erlangt ihr Dasein nicht durch Zeugung, sondern durch Schöpfung; denn nichts wird gezeugt außer aus Materie. Die sinnliche Seele aber ist eine vollkommene Substanz, sonst könnte sie den Körper nicht bewegen; und da sie die Form eines Körpers ist, ist sie nicht aus Stoff und Form zusammengesetzt. Daher beginnt sie nicht durch Zeugung, sondern durch Schöpfung zu existieren.
Einwand 2: Ferner ist bei den Lebewesen das Prinzip der Zeugung die Zeugungskraft. Da diese eine der Kräfte der vegetativen Seele ist, steht sie in einer niedrigeren Ordnung als die sinnliche Seele. Nun wirkt aber nichts über seine eigene Art hinaus. Daher kann die sinnliche Seele nicht durch die Zeugungskraft des Tieres verursacht werden.
Einwand 3: Ferner erzeugt das Zeugende seinesgleichen: so dass die Form des Zeugenden in Wirklichkeit in der Ursache der Zeugung sein muss. Aber weder die sinnliche Seele selbst noch irgendein Teil davon ist in Wirklichkeit im Samen, denn kein Teil der sinnlichen Seele ist anderswo als in einem Teil des Körpers; im Samen aber ist nicht einmal ein Teilchen des Körpers, weil es kein Teilchen des Körpers gibt, das nicht aus dem Samen und durch dessen Kraft gemacht wäre. Daher wird die sinnliche Seele nicht durch den Samen hervorgebracht.
Einwand 4: Ferner, wenn im Samen irgendein Prinzip wäre, das die sinnliche Seele hervorbringt, so bleibt dieses Prinzip entweder nach der Zeugung des Tieres bestehen oder es bleibt nicht. Nun kann es nicht bleiben. Denn entweder wäre es identisch mit der sinnlichen Seele des gezeugten Tieres; was unmöglich ist, denn so gäbe es eine Identität zwischen Erzeuger und Erzeugtem, Macher und Gemachtem. Oder es wäre davon verschieden; und auch dies ist unmöglich, denn es wurde oben bewiesen (Quaestio [76], Artikel [4]), dass es in einem Tier nur ein einziges formales Prinzip gibt, welches die Seele ist. Wenn andererseits das besagte Prinzip nicht bleibt, scheint dies wiederum unmöglich zu sein: denn so würde ein Wirkendes zu seiner eigenen Zerstörung wirken, was nicht sein kann. Daher kann die sinnliche Seele nicht aus dem Samen gezeugt werden.
Dagegen spricht, dass sich die Kraft im Samen zum auf samentliche Weise gezeugten Tier so verhält wie die Kraft in den Elementen der Welt zu den Tieren, die aus diesen Elementen hervorgebracht werden – zum Beispiel durch Fäulnis. Bei letzteren Tieren aber wird die Seele durch die elementare Kraft hervorgebracht, gemäß Gen 1,20: „Das Wasser bringe kriechende Tiere hervor, die Leben haben.“ Daher werden auch die Seelen der samentlich gezeugten Tiere durch die samenschaffende Kraft hervorgebracht.
Ich antworte darauf, dass einige behauptet haben, die sinnlichen Seelen der Tiere würden von Gott erschaffen (Quaestio [65], Artikel [4]). Diese Meinung hätte Bestand, wenn die sinnliche Seele subsistierend wäre und Sein und Wirken aus sich selbst hätte. Denn so käme es ihr zu, als etwas, das Sein und Wirken aus sich selbst hat, auch im eigentlichen Sinne „gemacht“ zu werden. Und da ein einfaches und subsistierendes Ding nicht anders als durch Schöpfung gemacht werden kann, würde folgen, dass die sinnliche Seele durch Schöpfung ins Dasein träte.
Aber dieses Prinzip ist falsch – nämlich, dass Sein und Wirken der sinnlichen Seele als ihr Eigentum zukommen, wie oben klargestellt wurde (Quaestio [75], Artikel [3]): denn sie würde nicht aufhören zu existieren, wenn der Körper vergeht. Da sie also keine subsistierende Form ist, ist ihr Verhältnis zum Dasein das der körperlichen Formen, denen das Dasein nicht als ihr Eigentum zukommt, sondern von denen gesagt wird, dass sie existieren, insofern die subsistierenden Zusammensetzungen durch sie existieren.
Daher kommt das „Gemachtwerden“ den Zusammensetzungen zu. Und da das Zeugende dem Gezeugten ähnlich ist, folgt notwendigerweise, dass sowohl die sinnliche Seele als auch alle anderen ähnlichen Formen auf natürliche Weise durch gewisse körperliche Wirkursachen ins Dasein gebracht werden, welche die Materie von der Potenz in den Akt überführen, und zwar durch eine körperliche Kraft, die sie besitzen.
Je mächtiger nun ein Wirkendes ist, desto größer ist der Wirkungskreis seiner Handlung: je heißer zum Beispiel ein Körper ist, desto größer ist die Entfernung, bis zu der seine Hitze trägt. Daher zeugen unbelebte Körper, die in der Ordnung der Natur am niedrigsten stehen, ihresgleichen nicht durch ein Medium, sondern durch sich selbst; so erzeugt Feuer durch sich selbst Feuer. Lebende Körper aber, da sie mächtiger sind, wirken so, dass sie ihresgleichen sowohl ohne als auch mit einem Medium erzeugen. Ohne Medium – im Werk der Ernährung, bei dem Fleisch Fleisch erzeugt; mit einem Medium – im Akt der Zeugung, weil der Samen des Tieres oder der Pflanze eine gewisse aktive Kraft von der Seele des Erzeugers ableitet, so wie das Werkzeug eine gewisse bewegende Kraft vom Hauptagens ableitet. Und wie es keinen Unterschied macht, ob wir sagen, dass etwas durch das Werkzeug oder durch das Hauptagens bewegt wird, so macht es auch keinen Unterschied, ob wir sagen, dass die Seele des Gezeugten durch die Seele des Erzeugers oder durch eine davon abgeleitete samenschaffende Kraft verursacht wird.
Antwort auf Einwand 1: Die sinnliche Seele ist keine vollkommene, für sich selbst subsistierende Substanz. Wir haben zu diesem Punkt genug gesagt (Quaestio [25], Artikel [3]) und müssen es hier nicht wiederholen.
Antwort auf Einwand 2: Die Zeugungskraft zeugt nicht nur durch ihre eigene Tugend, sondern durch die der ganzen Seele, deren Kraft sie ist. Daher erzeugt die Zeugungskraft einer Pflanze eine Pflanze, und die eines Tieres zeugt ein Tier. Denn je vollkommener die Seele ist, auf eine desto vollkommenere Wirkung ist ihre Zeugungskraft hingeordnet.
Antwort auf Einwand 3: Diese aktive Kraft, die im Samen ist und die von der Seele des Erzeugers abgeleitet ist, ist gleichsam eine gewisse Bewegung dieser Seele selbst: und sie ist nicht die Seele oder ein Teil der Seele, außer virtuell; so wie die Form eines Bettes nicht in der Säge oder der Axt ist, sondern eine gewisse Bewegung auf diese Form hin. Folglich ist es nicht notwendig, dass diese aktive Kraft ein aktuelles Organ hat; sondern sie gründet im (Lebens-)Geist im Samen, der schaumig ist, wie seine Weiße bezeugt. In diesem Geist ist zudem eine gewisse Wärme, die von der Kraft der Himmelskörper abgeleitet ist, kraft derer auch die niederen Körper auf die Hervorbringung der Spezies hinwirken, wie oben gesagt wurde (Quaestio [115], Artikel [3], ad 2). Und da in diesem (Lebens-)Geist die Kraft der Seele mit der Kraft eines Himmelskörpers zusammenwirkt, wurde gesagt, dass „der Mensch und die Sonne den Menschen zeugen“. Überdies wird die elementare Wärme instrumentell von der Kraft der Seele genutzt, wie auch von der Ernährungskraft, wie gesagt wurde (De Anima ii, 4).
Antwort auf Einwand 4: Bei vollkommenen Tieren, die durch Begattung gezeugt werden, ist die aktive Kraft im Samen des Männchens, wie der Philosoph sagt (De Gener. Animal. ii, 3); der fötale Stoff aber wird vom Weibchen bereitgestellt. In diesem Stoff existiert die vegetative Seele von Anfang an, nicht dem zweiten Akt nach, sondern dem ersten Akt nach, so wie die sinnliche Seele in einem Schlafenden ist. Sobald sie aber beginnt, Nahrung anzuziehen, wirkt sie bereits im Akt. Dieser Stoff wird also durch die Kraft, die im Samen des Männchens ist, umgewandelt, bis er tatsächlich durch die sinnliche Seele geformt wird; nicht so, als ob die Kraft selbst, die im Samen war, zur sinnlichen Seele würde; denn so wären in der Tat Erzeuger und Erzeugtes identisch; zudem wäre dies eher wie Ernährung und Wachstum als wie Zeugung, wie der Philosoph sagt. Und nachdem die sinnliche Seele durch die Kraft des aktiven Prinzips im Samen in einem der Hauptteile des Gezeugten hervorgebracht wurde, beginnt die sinnliche Seele des Nachkommen, auf die Vervollkommnung ihres eigenen Körpers durch Ernährung und Wachstum hinzuwirken. Was die aktive Kraft betrifft, die im Samen war, so hört sie auf zu existieren, wenn der Samen aufgelöst wird und dessen (Lebens-)Geist verschwindet. Und daran ist nichts Unvernünftiges, weil diese Kraft nicht das hauptsächliche, sondern das instrumentelle Agens ist; und die Bewegung eines Werkzeugs hört auf, sobald die Wirkung hervorgebracht wurde.