I, q. 114 a. 3
Ob alle Sünden auf die Versuchung des Teufels zurückzuführen sind?
Quaestio 114 · Von den Angriffen der Dämonen
Einwand 1: Es scheint, dass alle Sünden auf die Versuchung des Teufels zurückzuführen sind. Denn Dionysius sagt (Div. Nom. iv), dass "die Menge der Dämonen die Ursache aller Übel ist, sowohl für sich selbst als auch für andere." Und Damascener sagt (De Fide Orth. ii, 4), dass "alle Bosheit und alle Unreinheit vom Teufel ersonnen wurden."
Einwand 2: Ferner kann von jedem Sünder gesagt werden, was der Herr von den Juden sagte (Joh 8,44): "Ihr seid von eurem Vater, dem Teufel." Dies aber insofern, als sie durch Anstiftung des Teufels sündigten. Deshalb ist jede Sünde auf die Anstiftung des Teufels zurückzuführen.
Einwand 3: Ferner, wie Engel dazu bestellt sind, die Menschen zu behüten, so sind Dämonen dazu bestellt, die Menschen anzugreifen. Aber alles Gute, das wir tun, ist auf die Eingebung der guten Engel zurückzuführen: weil die göttlichen Gaben uns durch die Engel überbracht werden. Deshalb ist alles Böse, das wir tun, auf die Anstiftung des Teufels zurückzuführen.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (De Eccl. Dogmat. xlix): "Nicht alle unsere bösen Gedanken werden vom Teufel angeregt, sondern manchmal entstehen sie aus der Bewegung unseres freien Willens."
Ich antworte darauf, dass eine Sache auf zwei Arten Ursache einer anderen sein kann: direkt und indirekt. Indirekt, wie wenn ein Handelnder die Ursache einer Disposition zu einer gewissen Wirkung ist; er wird die gelegentliche und indirekte Ursache dieser Wirkung genannt: zum Beispiel könnten wir sagen, dass derjenige, der das Holz trocknet, die Ursache dafür ist, dass das Holz brennt. Auf diese Weise müssen wir zugeben, dass der Teufel die Ursache all unserer Sünden ist; weil er es war, der den ersten Menschen zur Sünde anstiftete, aus dessen Sünde eine Neigung zur Sünde im ganzen Menschengeschlecht resultierte: und in diesem Sinne müssen wir die Worte des Damasceners und des Dionysius verstehen.
Aber eine Sache wird als direkte Ursache von etwas bezeichnet, wenn ihre Handlung direkt darauf abzielt. Und auf diese Weise ist der Teufel nicht die Ursache jeder Sünde: denn nicht alle Sünden werden auf Anstiftung des Teufels begangen, sondern einige sind auf den freien Willen und die Verderbnis des Fleisches zurückzuführen. Denn wie Origenes sagt (Peri Archon iii), hätten die Menschen, selbst wenn es keinen Teufel gäbe, das Verlangen nach Nahrung und Liebe und dergleichen Vergnügungen; in Bezug auf welche viele Unordnungen entstehen können, wenn diese Begierden nicht durch die Vernunft gezügelt werden, besonders wenn wir die Verderbnis unserer Natur voraussetzen. Nun steht es in der Macht des freien Willens, diesen Appetit zu zügeln und in Ordnung zu halten. Folglich ist es nicht notwendig, dass alle Sünden auf die Anstiftung des Teufels zurückzuführen sind. Aber jene Sünden, die darauf zurückzuführen sind, begeht der Mensch, "indem er durch dieselben Schmeicheleien getäuscht wird wie unsere ersten Eltern", wie Isidor sagt (De Summo Bono ii).
Damit ist die Antwort auf den ersten Einwand klar.
Antwort auf Einwand 2: Wenn der Mensch eine Sünde begeht, ohne dazu vom Teufel angestiftet zu sein, wird er dadurch dennoch ein Kind des Teufels, insofern er den nachahmt, der als erster sündigte.
Antwort auf Einwand 3: Der Mensch kann aus eigenem Antrieb in die Sünde fallen: aber er kann nicht im Verdienst fortschreiten ohne den göttlichen Beistand, der dem Menschen durch den Dienst der Engel überbracht wird. Aus diesem Grund nehmen die Engel an all unseren guten Werken teil: wohingegen nicht alle unsere Sünden auf die Anstiftung der Dämonen zurückzuführen sind. Dennoch gibt es keine Art von Sünde, die nicht manchmal auf die Eingebung der Dämonen zurückzuführen ist.