I, q. 107 a. 4
Ob die örtliche Distanz die Rede der Engel beeinflusst?
Quaestio 107 · Das Sprechen der Engel
Einwand 1: Es scheint, dass die örtliche Distanz die Rede der Engel beeinflusst. Denn wie Damascenus sagt (De Fide Orth. i, 13): „Ein Engel wirkt dort, wo er ist.“ Aber die Rede ist eine englische Tätigkeit. Da also ein Engel an einem bestimmten Ort ist, scheint es, dass die Rede eines Engels durch die Grenzen dieses Ortes beschränkt ist.
Einwand 2: Ferner schreit ein Sprecher wegen der Entfernung des Hörers. Aber es wird von den Seraphim gesagt, dass „sie einer zum anderen riefen“ (Jes 6,3). Also hat in der englischen Rede die örtliche Distanz eine gewisse Wirkung.
Dagegen spricht, dass der reiche Mann in der Hölle zu Abraham sprach, ungeachtet der örtlichen Distanz (Lk 16,24). Viel weniger also behindert die örtliche Distanz die Rede eines Engels zum anderen.
Ich antworte darauf, dass die englische Rede in einer intellektuellen Tätigkeit besteht, wie oben erklärt (Art. [1], 2, 3). Und die intellektuelle Tätigkeit eines Engels abstrahiert vom „Hier und Jetzt“. Denn selbst unsere eigene intellektuelle Tätigkeit geschieht durch Abstraktion vom „Hier und Jetzt“, außer akzidentell seitens der Phantasmen, die in einem Engel überhaupt nicht existieren. Was aber das betrifft, was vom „Hier und Jetzt“ abstrahiert ist, so haben weder Zeitunterschied noch örtliche Distanz irgendeinen Einfluss. Daher ist in der englischen Rede die örtliche Distanz kein Hindernis.
Antwort auf Einwand 1: Die englische Rede ist, wie oben erklärt (Art. [1], ad 2), innerlich; dennoch wird sie von einem anderen wahrgenommen; und daher existiert sie in dem Engel, der spricht, und folglich dort, wo der Engel ist, der spricht. Aber wie die örtliche Distanz nicht verhindert, dass ein Engel den anderen sieht, so verhindert sie auch nicht, dass ein Engel wahrnimmt, was seitens eines anderen auf ihn hingeordnet ist; und dies heißt, seine Rede wahrzunehmen.
Antwort auf Einwand 2: Der erwähnte Ruf ist keine körperliche Stimme, die wegen der örtlichen Distanz erhoben wird; sondern er wird so verstanden, dass er die Größe dessen bezeichnet, was gesagt wird, oder die Intensität der Zuneigung, gemäß dem, was Gregor sagt (Moral. ii): „Wer weniger begehrt, schreit weniger.“