I, q. 102 a. 3
Ob der Mensch ins Paradies gesetzt wurde, um es zu bebauen und zu behüten?
Quaestio 102 · Vom Wohnort des Menschen, welcher das Paradies ist.
Einwand 1: Es hat den Anschein, dass der Mensch nicht ins Paradies gesetzt wurde, um es zu bebauen und zu behüten. Denn was ihm als Strafe für die Sünde auferlegt wurde, hätte im Paradies im Zustand der Unschuld nicht existiert. Aber die Bebauung des Bodens war eine Strafe der Sünde (Gen 3,17). Daher wurde der Mensch nicht ins Paradies gesetzt, um es zu bebauen und zu behüten.
Einwand 2: Ferner gibt es keinen Bedarf für einen Hüter, wenn keine Furcht vor gewaltsamem Eindringen besteht. Aber im Paradies gab es keine Furcht vor gewaltsamem Eindringen. Daher gab es keinen Bedarf für den Menschen, das Paradies zu behüten.
Einwand 3: Ferner, wenn der Mensch ins Paradies gesetzt wurde, um es zu bebauen und zu behüten, wäre der Mensch anscheinend um des Paradieses willen geschaffen worden und nicht umgekehrt; was falsch zu sein scheint. Daher wurde der Mensch nicht ins Paradies gesetzt, um es zu bebauen und zu behüten.
Dagegen spricht, Es steht geschrieben (Gen 2,15): „Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in das Paradies der Wonne, um es zu bebauen und zu behüten.“
Ich antworte darauf, Wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. viii, 10), können diese Worte in der Genesis auf zwei Arten verstanden werden. Erstens in dem Sinne, dass Gott den Menschen ins Paradies setzte, damit Er selbst im Menschen wirken und ihn behüten möge, indem Er ihn heiligte (denn wenn dieses Werk aufhört, fällt der Mensch sogleich in die Finsternis zurück, wie die Luft dunkel wird, wenn das Licht aufhört zu scheinen); und indem Er den Menschen vor allem Verderben und Übel behütete. Zweitens, dass der Mensch das Paradies bebauen und behüten möge, welche Bebauung keine Mühsal beinhaltet hätte, wie sie es nach der Sünde tat; sondern sie wäre angenehm gewesen aufgrund des praktischen Wissens des Menschen um die Kräfte der Natur. Auch hätte der Mensch das Paradies nicht gegen einen Eindringling behütet; sondern er hätte danach gestrebt, das Paradies für sich selbst zu behüten, damit er es nicht durch Sünde verliere. All dies war zum Besten des Menschen; weshalb das Paradies zum Nutzen des Menschen geordnet war und nicht umgekehrt.
Woraus die Antworten auf die Einwände klar werden.