I, q. 102 a. 1
Ob das Paradies ein körperlicher Ort ist?
Quaestio 102 · Vom Wohnort des Menschen, welcher das Paradies ist.
Einwand 1: Es hat den Anschein, dass das Paradies kein körperlicher Ort ist. Denn Beda [*Strabus, Glosse zu Gen 2,8] sagt, dass „das Paradies bis zum Mondkreis reicht“. Aber kein irdischer Ort entspricht dieser Beschreibung, sowohl weil es der Natur der Erde zuwiderläuft, so hoch erhoben zu sein, als auch weil unterhalb des Mondes die Region des Feuers ist, welche die Erde verzehren würde. Daher ist das Paradies kein körperlicher Ort.
Einwand 2: Ferner erwähnt die Schrift vier Flüsse, die im Paradies entspringen (Gen 2,10). Aber die dort erwähnten Flüsse haben sichtbare Quellen andernorts, wie aus dem Philosophen (Meteor. i) hervorgeht. Daher ist das Paradies kein körperlicher Ort.
Einwand 3: Ferner, obwohl die Menschen die ganze bewohnbare Welt erforscht haben, hat doch keiner den Ort des Paradieses erwähnt. Daher ist es dem Anschein nach kein körperlicher Ort.
Einwand 4: Ferner wird beschrieben, dass der Baum des Lebens im Paradies wächst. Aber der Baum des Lebens ist etwas Geistiges, denn von der Weisheit steht geschrieben: „Sie ist ein Baum des Lebens für jene, die sie ergreifen“ (Spr 3,18). Daher ist auch das Paradies kein körperlicher, sondern ein geistiger Ort.
Einwand 5: Ferner, wenn das Paradies ein körperlicher Ort wäre, müssten auch die Bäume des Paradieses körperlich sein. Aber es scheint, dass sie dies nicht waren; denn körperliche Bäume wurden am dritten Tag hervorgebracht, während die Pflanzung der Bäume des Paradieses nach dem Sechstagewerk berichtet wird. Daher war das Paradies kein körperlicher Ort.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Gen. ad lit. viii, 1): „Drei allgemeine Meinungen herrschen über das Paradies vor. Einige verstehen darunter einen rein körperlichen Ort; andere einen rein geistigen Ort; wieder andere, deren Meinung ich mich, wie ich bekenne, anschließe, halten dafür, dass das Paradies sowohl körperlich als auch geistig war.“
Ich antworte darauf, dass, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xiii, 21): „Nichts hindert uns daran, in angemessenen Grenzen an einem geistigen Paradies festzuhalten; solange wir an die Wahrheit der Ereignisse glauben, von denen berichtet wird, dass sie sich dort zugetragen haben.“ Denn was immer die Schrift uns über das Paradies erzählt, ist als geschichtlicher Bericht niedergelegt; und wo immer die Schrift diese Methode anwendet, müssen wir an der historischen Wahrheit der Erzählung als Grundlage für jedwede geistige Erklärung festhalten, die wir anbieten mögen. Und so ist das Paradies, wie Isidor sagt (Etym. xiv, 3), „ein im Osten gelegener Ort, dessen Name das griechische Wort für Garten ist“. Es war angemessen, dass es im Osten sein sollte; denn es ist zu glauben, dass es im vorzüglichsten Teil der Erde gelegen war. Nun ist der Osten die Rechte am Himmel, wie der Philosoph erklärt (De Coel. ii, 2); und die Rechte ist edler als die Linke: daher war es angemessen, dass Gott das irdische Paradies im Osten anlegte.
Antwort auf Einwand 1: Bedas Behauptung ist unwahr, wenn man sie im offensichtlichen Sinne nimmt. Sie kann jedoch so erklärt werden, dass das Paradies bis zum Mond reicht, nicht buchstäblich, sondern bildlich; weil, wie Isidor sagt (Etym. xiv, 3), die Atmosphäre dort „eine beständig gleichmäßige Temperatur“ hat; und in dieser Hinsicht ist es wie die Himmelskörper, die frei von gegensätzlichen Elementen sind. Es wird jedoch eher der Mond als andere Körper erwähnt, weil der Mond von allen Himmelskörpern uns am nächsten ist und überdies der Erde am meisten verwandt ist; daher beobachtet man, dass er von Wolken beschattet wird, so dass er fast verdunkelt wird. Andere sagen, dass das Paradies bis zum Mond reichte – das heißt, bis zum mittleren Raum der Luft, wo Regen und Wind und dergleichen entstehen; weil man sagt, dass der Mond Einfluss auf solche Veränderungen hat. Aber in diesem Sinne wäre es kein geeigneter Ort für menschliche Behausung, da er ungleichmäßig in der Temperatur und nicht auf das menschliche Temperament abgestimmt wäre, wie es die untere Atmosphäre in der Nähe der Erde ist.
Antwort auf Einwand 2: Augustinus sagt (Gen. ad lit. viii, 7): „Es ist wahrscheinlich, dass der Mensch keine Ahnung hat, wo das Paradies war, und dass die Flüsse, deren Quellen bekannt sein sollen, eine Strecke weit unterirdisch flossen und dann andernorts entsprangen. Denn wer wüsste nicht, dass dies bei einigen anderen Strömen der Fall ist?“
Antwort auf Einwand 3: Die Lage des Paradieses ist von der bewohnbaren Welt durch Berge oder Meere oder eine heiße Zone abgeschlossen, die nicht durchquert werden kann; und so machen Leute, die über Topographie geschrieben haben, keine Erwähnung davon.
Antwort auf Einwand 4: Der Baum des Lebens ist ein materieller Baum und wird so genannt, weil seine Frucht mit einer lebenserhaltenden Kraft ausgestattet war, wie oben dargelegt (Frage [97], Artikel [4]). Dennoch hatte er eine geistige Bedeutung; wie der Fels in der Wüste von materieller Natur war und doch Christus bezeichnete. In gleicher Weise war der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ein materieller Baum, so genannt im Hinblick auf zukünftige Ereignisse; weil der Mensch nach dem Essen davon durch die Erfahrung der darauf folgenden Strafe den Unterschied zwischen dem Gut des Gehorsams und dem Übel der Rebellion lernen sollte. Man kann auch sagen, dass er geistigerweise den freien Willen bezeichnet, wie einige sagen.
Antwort auf Einwand 5: Nach Augustinus (Gen. ad lit. v, 5, viii, 3) wurden die Pflanzen am dritten Tag nicht aktuell hervorgebracht, sondern in ihren keimhaften Kräften; wohingegen nach dem Sechstagewerk die Pflanzen, sowohl die des Paradieses als auch andere, aktuell hervorgebracht wurden. Nach anderen heiligen Schreibern müssen wir sagen, dass alle Pflanzen am dritten Tag aktuell hervorgebracht wurden, einschließlich der Bäume des Paradieses; und was über die Pflanzung der Bäume des Paradieses nach dem Sechstagewerk gesagt wird, ist, so sagen sie, im Sinne einer Rekapitulation zu verstehen. Daher liest unser Text: „Gott der Herr hatte ein Paradies der Wonne von Anfang an gepflanzt“ (Gen 2,8).