I, q. 102 a. 2
Ob das Paradies ein geeigneter Ort für den Wohnsitz des Menschen war?
Quaestio 102 · Vom Wohnort des Menschen, welcher das Paradies ist.
Einwand 1: Es hat den Anschein, dass das Paradies kein geeigneter Ort für den Wohnsitz des Menschen war. Denn Mensch und Engel sind gleichermaßen auf die Seligkeit hingeordnet. Aber die Engel waren von Beginn ihrer Existenz an dazu gemacht, im Wohnsitz der Seligen zu wohnen – das heißt, im empyreischen Himmel. Daher hätte der Ort der menschlichen Wohnung auch dort sein sollen.
Einwand 2: Ferner, wenn ein bestimmter Ort für den Wohnsitz des Menschen erforderlich wäre, so wäre dies entweder von Seiten der Seele oder des Körpers erforderlich. Wenn von Seiten der Seele, wäre der Ort im Himmel, welcher der Natur der Seele angepasst ist; da das Verlangen nach dem Himmel allen eingepflanzt ist. Von Seiten des Körpers gab es keinen Bedarf für einen anderen Ort als den, der für andere Tiere vorgesehen war. Daher war das Paradies überhaupt nicht geeignet, der Wohnsitz des Menschen zu sein.
Einwand 3: Ferner ist ein Ort, der nichts enthält, nutzlos. Aber nach der Sünde wurde das Paradies nicht vom Menschen bewohnt. Wenn es also als Wohnstätte für den Menschen geeignet wäre, scheint es, dass Gott das Paradies vergebens gemacht hat.
Einwand 4: Ferner, da der Mensch von einem ausgeglichenen Temperament ist, sollte ein passender Ort für ihn von gleichmäßiger Temperatur sein. Aber das Paradies war nicht von gleichmäßiger Temperatur; denn es wird gesagt, es habe am Äquator gelegen – eine Lage von extremer Hitze, da die Sonne zweimal im Jahr senkrecht über die Häupter seiner Bewohner zieht. Daher war das Paradies keine geeignete Wohnstätte für den Menschen.
Dagegen spricht, dass Damascenus sagt (De Fide Orth. ii, 11): „Das Paradies war eine göttlich geordnete Region und dessen würdig, der nach Gottes Bild gemacht war.“
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Frage [97], Artikel [1]), war der Mensch unvergänglich und unsterblich, nicht weil sein Körper eine Disposition zur Unvergänglichkeit hatte, sondern weil in seiner Seele eine Kraft war, die den Körper vor dem Verfall bewahrte. Nun kann der menschliche Körper von innen oder von außen verderben. Von innen verdirbt der Körper durch den Verbrauch der Säfte und durch das Alter, wie oben erklärt (Frage [97], Artikel [4]), und der Mensch war fähig, solchen Verfall durch Nahrung abzuwehren. Unter jenen Dingen, die den Körper von außen verderben, scheint das wichtigste eine Atmosphäre von ungleicher Temperatur zu sein; und für solchen Verfall findet sich ein Heilmittel in einer Atmosphäre von gleichmäßiger Beschaffenheit. Im Paradies fanden sich beide Bedingungen; denn wie Damascenus sagt (De Fide Orth. ii, 11): „Das Paradies war durchdrungen von der alles durchdringenden Helligkeit einer gemäßigten, reinen und exquisiten Atmosphäre und geschmückt mit immerblühenden Pflanzen.“ Daraus ist klar, dass das Paradies höchst geeignet war, eine Wohnstätte für den Menschen zu sein, und im Einklang mit seinem ursprünglichen Zustand der Unsterblichkeit stand.
Antwort auf Einwand 1: Der empyreische Himmel ist der höchste der körperlichen Orte und liegt außerhalb der Region der Veränderung. Durch die erste dieser beiden Bedingungen ist er ein passender Wohnsitz für die engelhafte Natur: denn wie Augustinus sagt (De Trin. ii), „regiert Gott körperliche Geschöpfe durch geistige Geschöpfe“. Daher ist es angemessen, dass die geistige Natur über der gesamten körperlichen Natur eingerichtet sein sollte, als ihr vorstehend. Durch die zweite Bedingung ist er ein passender Wohnsitz für den Zustand der Seligkeit, welcher mit dem höchsten Grad an Beständigkeit ausgestattet ist. So war der Wohnsitz der Seligkeit der Natur des Engels selbst angemessen; daher wurde er dort erschaffen. Aber er ist der Natur des Menschen nicht angemessen, da der Mensch nicht als Herrscher über die gesamte körperliche Schöpfung gesetzt ist: er ist ein passender Wohnsitz für den Menschen nur im Hinblick auf seine Seligkeit. Weshalb er nicht von Anfang an in den empyreischen Himmel gesetzt wurde, sondern dazu bestimmt war, im Zustand seiner endgültigen Seligkeit dorthin versetzt zu werden.
Antwort auf Einwand 2: Es ist lächerlich zu behaupten, dass irgendein bestimmter Ort der Seele oder irgendwelchen geistigen Substanzen natürlich sei, obwohl ein bestimmter Ort eine gewisse Angemessenheit in Bezug auf geistige Substanzen haben mag. Denn das irdische Paradies war ein dem Menschen angepasster Ort, sowohl was seinen Körper als auch was seine Seele betrifft – das heißt, insofern in seiner Seele die Kraft war, die den menschlichen Körper vor dem Verfall bewahrte. Dies konnte von den anderen Tieren nicht gesagt werden. Daher sagt Damascenus (De Fide Orth. ii, 11): „Kein unvernünftiges Tier bewohnte das Paradies“; obwohl durch eine gewisse Fügung die Tiere von Gott zu Adam dorthin gebracht wurden; und die Schlange konnte durch die Mitschuld des Teufels dort eindringen.
Antwort auf Einwand 3: Das Paradies wurde nicht dadurch nutzlos, dass es nach der Sünde nicht vom Menschen bewohnt wurde, so wie die Unsterblichkeit dem Menschen nicht vergebens verliehen wurde, obwohl er sie verlieren sollte. Denn dadurch lernen wir Gottes Güte zum Menschen und was der Mensch durch die Sünde verloren hat. Überdies sagen einige, dass Henoch und Elias noch immer in jenem Paradies wohnen.
Antwort auf Einwand 4: Jene, die sagen, dass das Paradies auf der Äquinoktiallinie lag, sind der Meinung, dass eine solche Lage am gemäßigtesten ist, wegen der unveränderlichen Gleichheit von Tag und Nacht; dass es dort nie zu kalt ist, weil die Sonne nie zu weit weg ist; und nie zu heiß, weil, obwohl die Sonne über die Häupter der Bewohner zieht, sie nicht lange in dieser Position verbleibt. Jedoch sagt Aristoteles ausdrücklich (Meteor. ii, 5), dass eine solche Region wegen der Hitze unbewohnbar ist. Dies scheint wahrscheinlicher zu sein; denn selbst jene Regionen, wo die Sonne nicht senkrecht darüber hinwegzieht, sind extrem heiß allein wegen der Nähe der Sonne. Aber was auch immer die Wahrheit der Sache sei, wir müssen festhalten, dass das Paradies in einer höchst gemäßigten Lage situiert war, sei es am Äquator oder anderswo.