III, q. 32 a. 4
Ob die seligste Jungfrau bei der Empfängnis des Leibes Christi aktiv mitgewirkt hat?
Quaestio 32 · Vom aktiven Prinzip in der Empfängnis Christi
Einwand 1: Es scheint, dass die seligste Jungfrau bei der Empfängnis des Leibes Christi aktiv mitgewirkt hat. Denn Damascener sagt (De Fide Orth. iii), dass „der Heilige Geist über die Jungfrau kam, sie reinigte und ihr die Kraft verlieh, das Wort Gottes zu empfangen und hervorzubringen.“ Aber sie hatte von Natur aus die passive Kraft der Zeugung, wie jede andere Frau. Daher verlieh er ihr eine aktive Kraft der Zeugung. Und so wirkte sie aktiv bei der Empfängnis Christi mit.
Einwand 2: Ferner sind alle Kräfte der vegetativen Seele aktiv, wie der Kommentator sagt (De Anima ii). Aber die Zeugungskraft, sowohl im Mann als auch in der Frau, gehört zur vegetativen Seele. Daher wirkt sie sowohl im Mann als auch in der Frau aktiv bei der Empfängnis des Kindes mit.
Einwand 3: Ferner liefert die Frau bei der Empfängnis eines Kindes die Materie, aus der der Leib des Kindes natürlich geformt wird. Aber die Natur ist ein inneres Prinzip der Bewegung. Daher scheint es, dass in der von der seligsten Jungfrau gelieferten Materie ein aktives Prinzip war.
Dagegen spricht, dass das aktive Prinzip bei der Zeugung „Samenkraft“ genannt wird. Aber wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. x), wurde der Leib Christi „von der Jungfrau nur hinsichtlich der körperlichen Materie genommen, durch die göttliche Kraft der Empfängnis und Formung, aber nicht durch irgendeine menschliche Samenkraft.“ Daher hat die seligste Jungfrau nicht aktiv bei der Empfängnis des Leibes Christi mitgewirkt.
Ich antworte darauf, dass einige sagen, die seligste Jungfrau habe aktiv bei der Empfängnis Christi mitgewirkt, sowohl durch natürliche als auch durch übernatürliche Kraft. Durch natürliche Kraft, weil sie behaupten, dass in aller natürlichen Materie ein aktives Prinzip sei; andernfalls glauben sie, dass es so etwas wie eine natürliche Umwandlung nicht gäbe. Aber hierin täuschen sie sich. Denn eine Umwandlung wird natürlich genannt aufgrund nicht nur eines aktiven, sondern auch eines passiven inneren Prinzips: denn der Philosoph sagt ausdrücklich (Phys. viii), dass in schweren und leichten Dingen ein passives und kein aktives Prinzip der natürlichen Bewegung ist. Auch ist es nicht möglich, dass Materie bei ihrer eigenen Formung aktiv ist, da sie nicht im Akt ist. Noch ist es wiederum möglich, dass etwas sich selbst in Bewegung setzt, außer es sei in zwei Teile geteilt, von denen einer der Beweger ist und der andere bewegt wird: was nur bei beseelten Dingen geschieht, wie in Phys. viii bewiesen wird.
Durch eine übernatürliche Kraft, weil sie sagen, dass die Mutter nicht nur die Materie liefern muss, welche das Menstrualblut ist, sondern auch den Samen, der, vermischt mit dem des Mannes, eine aktive Kraft bei der Zeugung hat. Und da in der seligsten Jungfrau keine Auflösung von Samen stattfand, aufgrund ihrer unversehrten Jungfräulichkeit, sagen sie, dass der Heilige Geist ihr übernatürlich eine aktive Kraft bei der Empfängnis des Leibes Christi verlieh, welche Kraft andere Mütter aufgrund des aufgelösten Samens haben. Aber dies kann nicht bestehen, denn da „jedes Ding um seiner Tätigkeit willen ist“ (De Coel. ii), würde die Natur für den Zweck des Zeugungsaktes nicht die männlichen und weiblichen Geschlechter unterscheiden, wenn nicht die Tätigkeit des Mannes von der der Frau verschieden wäre. Nun gibt es bei der Zeugung zwei verschiedene Tätigkeiten – die des Agens (des Wirkenden) und die des Patiens (des Leidenden/Empfangenden). Weshalb folgt, dass die gesamte aktive Tätigkeit auf Seiten des Mannes liegt und die passive auf Seiten der Frau. Aus diesem Grund gibt es bei Pflanzen, wo beide Kräfte vermischt sind, keine Unterscheidung von männlich und weiblich.
Da also die seligste Jungfrau nicht der Vater Christi war, sondern seine Mutter, folgt daraus, dass es ihr nicht gegeben war, eine aktive Kraft bei seiner Empfängnis auszuüben: sei es, um aktiv mitzuwirken, so dass sie sein Vater wäre, oder um gar nicht mitzuwirken, wie einige sagen; woraus folgen würde, dass diese aktive Kraft ihr zwecklos verliehen wurde. Wir müssen daher sagen, dass sie bei der Empfängnis Christi selbst nicht aktiv mitwirkte, sondern lediglich die Materie dafür lieferte. Dennoch wirkte sie vor der Empfängnis aktiv bei der Vorbereitung der Materie mit, damit diese für die Empfängnis geeignet sei.
Antwort auf Einwand 1: Diese Empfängnis hatte drei Vorrechte – nämlich, dass sie ohne Erbsünde war; dass sie nicht die eines Menschen allein war, sondern von Gott und Mensch; und dass es eine jungfräuliche Empfängnis war. Und alle drei wurden vom Heiligen Geist bewirkt. Daher sagt Damascener zum ersten, dass der Heilige Geist „über die Jungfrau kam, sie reinigte“ – das heißt, sie davor bewahrte, mit der Erbsünde zu empfangen. Zum zweiten sagt er: „Und ihr die Kraft verlieh, zu empfangen“, d.h. zu konzipieren, „das Wort Gottes.“ Zum dritten sagt er: „Und hervorzubringen“, d.h. ihn zu gebären, damit sie, während sie Jungfrau blieb, ihn hervorbrächte, nicht aktiv, sondern passiv, so wie andere Mütter dies durch die Einwirkung des männlichen Samens erreichen.
Antwort auf Einwand 2: Die Zeugungskraft der Frau ist unvollkommen im Vergleich zu der des Mannes. Und deshalb, so wie in den Künsten die niedere Kunst der Materie eine Disposition gibt, der die höhere Kunst die Form gibt, wie in Phys. ii dargelegt wird, so bereitet auch die Zeugungskraft der Frau die Materie vor, die dann durch die aktive Kraft des Mannes geformt wird.
Antwort auf Einwand 3: Damit eine Umwandlung natürlich sei, bedarf es keines aktiven Prinzips in der Materie, sondern nur eines passiven Prinzips, wie oben dargelegt.