III, q. 20 a. 2
Ob Christus sich selbst unterworfen ist?
Quaestio 20 · Von der Unterwerfung Christi unter den Vater
Einwand 1: Es scheint, dass Christus sich selbst nicht unterworfen ist. Denn Cyrill sagt in einem Synodalschreiben, das das Konzil von Ephesus (Teil I, Kap. xxvi) annahm: „Christus ist weder Diener noch Herr seiner selbst. Es ist töricht oder vielmehr gottlos, dies zu denken oder zu sagen.“ Und Damascenus sagt dasselbe (De Fide Orth. iii, 21): „Das eine Wesen, Christus, kann nicht der Diener oder Herr seiner selbst sein.“ Nun wird Christus Diener des Vaters genannt, insofern er ihm unterworfen ist. Also ist Christus sich selbst nicht unterworfen.
Einwand 2: Ferner bezieht sich Diener auf einen Herrn. Nun hat nichts eine Relation zu sich selbst, daher sagt Hilarius (De Trin. vii), dass nichts sich selbst gleich oder ähnlich ist. Daher kann Christus nicht Diener seiner selbst genannt werden und folglich auch nicht sich selbst unterworfen sein.
Einwand 3: Ferner: „Wie die vernünftige Seele und das Fleisch ein Mensch sind, so sind Gott und Mensch ein Christus“, wie Athanasius sagt (Symb. Fid.). Nun wird vom Menschen nicht gesagt, er sei sich selbst unterworfen oder Diener seiner selbst oder größer als er selbst, weil sein Leib seiner Seele unterworfen ist. Deshalb wird von Christus nicht gesagt, er sei sich selbst unterworfen, weil seine Menschheit seiner Gottheit unterworfen ist.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. i, 7): „Die Wahrheit zeigt auf diese Weise“ (d.h. wodurch der Vater größer ist als Christus in der menschlichen Natur), „dass der Sohn geringer ist als er selbst.“
Ferner argumentiert er (De Trin. i, 7), dass die Knechtsgestalt vom Sohn Gottes so angenommen wurde, dass die Gestalt Gottes nicht verloren ging. Aber aufgrund der Gestalt Gottes, die dem Vater und dem Sohn gemeinsam ist, ist der Vater größer als der Sohn in der menschlichen Natur. Also ist der Sohn in der menschlichen Natur größer als er selbst.
Ferner ist Christus in seiner menschlichen Natur der Diener Gottes des Vaters, gemäß Joh 20,17: „Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Wer nun der Diener des Vaters ist, ist der Diener des Sohnes; andernfalls würde nicht alles, was dem Vater gehört, dem Sohn gehören. Also ist Christus sein eigener Diener und sich selbst unterworfen.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Artikel 1, zu 2), Herr oder Diener zu sein einer Person oder Hypostase gemäß einer Natur zugeschrieben wird. Wenn also gesagt wird, Christus sei der Herr oder Diener seiner selbst, oder das Wort Gottes sei der Herr des Menschen Christus, so kann dies auf zwei Weisen verstanden werden. Erstens so, dass dies aufgrund einer anderen Hypostase oder Person verstanden wird, als ob da die Person des Wortes Gottes wäre, die herrscht, und die Person des Menschen, die dient; und dies ist die Häresie des Nestorius. Daher heißt es in der Verurteilung des Nestorius im Konzil von Ephesus (Teil III, Kap. i, Anath. 6): „Wenn jemand sagt, das von Gott dem Vater gezeugte Wort sei der Gott oder Herr Christi, und nicht vielmehr bekennt, dass derselbe zugleich Gott und Mensch ist, da das Wort Fleisch geworden ist gemäß den Schriften, der sei im Bann.“ Und in diesem Sinne wird es von Cyrill und Damascenus geleugnet (Einwand 1); und im selben Sinne muss geleugnet werden, dass Christus geringer ist als er selbst oder sich selbst unterworfen. Zweitens kann es verstanden werden von der Verschiedenheit der Naturen in der einen Person oder Hypostase. Und so können wir sagen, dass er in der einen von ihnen, in welcher er mit dem Vater übereinstimmt, zusammen mit dem Vater vorsteht und herrscht; und in der anderen Natur, in welcher er mit uns übereinstimmt, unterworfen ist und dient, und in diesem Sinne sagt Augustinus, dass „der Sohn geringer ist als er selbst“.
Doch muss man bedenken, dass, da dieser Name „Christus“ der Name einer Person ist, ebenso wie der Name „Sohn“, jene Dinge wesenhaft und absolut von Christus ausgesagt werden können, die ihm aufgrund der Person zukommen, welche ewig ist; und besonders jene Beziehungen, die eigentlicher zur Person oder zur Hypostase zu gehören scheinen. Was ihm aber in seiner menschlichen Natur zukommt, ist ihm eher mit einer Einschränkung zuzuschreiben; so dass wir sagen, Christus ist schlechthin der Größte, Herr, Herrscher, wohingegen unterworfen oder Diener oder geringer zu sein ihm mit der Einschränkung zuzuschreiben ist: in seiner menschlichen Natur.
Zu Einwand 1 ist zu sagen: Cyrill und Damascenus leugnen, dass Christus das Haupt seiner selbst ist, insofern dies eine Mehrheit der Supposita impliziert, was erforderlich ist, damit jemand der Herr eines anderen sein kann.
Zu Einwand 2 ist zu sagen: Schlechthin gesprochen ist es notwendig, dass der Herr und der Diener verschieden sind; doch kann ein gewisser Begriff von Herrschaft und Dienstbarkeit gewahrt bleiben, insofern derselbe Herr seiner selbst in verschiedener Hinsicht ist.
Zu Einwand 3 ist zu sagen: Aufgrund der verschiedenen Teile des Menschen, von denen einer überlegen und der andere unterlegen ist, sagt der Philosoph (Ethic. v, 11), dass es Gerechtigkeit zwischen einem Menschen und sich selbst gibt, insofern das Irascible (Zornmütige) und das Konkupiszible (Begehrliche) der Vernunft gehorchen. Daher kann auf diese Weise gesagt werden, ein Mensch sei sich selbst unterworfen und dienstbar hinsichtlich seiner verschiedenen Teile.
Zu den anderen Argumenten ist die Antwort klar aus dem, was gesagt wurde. Denn Augustinus behauptet, dass der Sohn geringer ist als er selbst, oder sich selbst unterworfen, in seiner menschlichen Natur, und nicht durch eine Verschiedenheit der Supposita.