III, q. 20 a. 1
Ob man sagen darf, dass Christus dem Vater unterworfen ist?
Quaestio 20 · Von der Unterwerfung Christi unter den Vater
Einwand 1: Es scheint, dass man nicht sagen darf, Christus sei dem Vater unterworfen. Denn alles, was dem Vater unterworfen ist, ist ein Geschöpf, da es, wie in De Eccles. Dogm. iv gesagt wird, „in der Trinität keine Abhängigkeit oder Unterwerfung gibt“. Wir können aber nicht schlechthin sagen, dass Christus ein Geschöpf ist, wie oben dargelegt wurde (Quaestio 16, Artikel 8). Daher können wir nicht schlechthin sagen, dass Christus Gott dem Vater unterworfen ist.
Einwand 2: Ferner heißt ein Ding Gott unterworfen, wenn es seiner Herrschaft dienstbar ist. Wir können aber der menschlichen Natur Christi keine Dienstbarkeit zuschreiben; denn Damascenus sagt (De Fide Orth. iii, 21): „Wir müssen bedenken, dass wir sie“ (d.h. die menschliche Natur Christi) „nicht eine Dienerin nennen dürfen; denn die Worte ‚Dienstbarkeit‘ und ‚Herrschaft‘ sind nicht Namen der Natur, sondern der Beziehungen, wie die Worte ‚Vaterschaft‘ und ‚Sohnschaft‘.“ Daher ist Christus in seiner menschlichen Natur Gott dem Vater nicht unterworfen.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (1 Kor 15,28): „Wenn aber alles ihm unterworfen sein wird, dann wird auch der Sohn selbst dem unterworfen sein, der ihm alles unterworfen hat.“ Aber, wie geschrieben steht (Hebr 2,8): „Jetzt sehen wir ihm noch nicht alles unterworfen.“ Folglich ist er noch nicht dem Vater unterworfen, der ihm alles unterworfen hat.
Dagegen spricht, dass unser Herr sagt (Joh 14,28): „Der Vater ist größer als ich“; und Augustinus sagt (De Trin. i, 7): „Nicht ohne Grund erwähnt die Schrift beides, dass der Sohn dem Vater gleich ist und dass der Vater größer ist als der Sohn; denn das erste wird aufgrund der Gestalt Gottes gesagt, das zweite aufgrund der Knechtsgestalt, ohne irgendeine Vermischung.“ Nun ist das Geringere dem Größeren unterworfen. Also ist Christus in der Knechtsgestalt dem Vater unterworfen.
Ich antworte darauf, dass jedem, der eine Natur besitzt, das zukommt, was dieser Natur eigen ist. Nun hat die menschliche Natur von ihrem Anfang an eine dreifache Unterwerfung unter Gott. Die erste betrifft den Grad der Güte, insofern die göttliche Natur das Wesen der Güte selbst ist, wie aus Dionysius (Div. Nom. i) hervorgeht, während eine geschaffene Natur eine Teilhabe an der göttlichen Güte besitzt und sozusagen den Strahlen dieser Güte unterworfen ist. Zweitens ist die menschliche Natur Gott unterworfen hinsichtlich der Macht Gottes, insofern die menschliche Natur, wie jedes Geschöpf, dem Wirken der göttlichen Anordnung unterworfen ist. Drittens ist die menschliche Natur Gott besonders durch ihren eigenen Akt unterworfen, insofern sie aus eigenem Willen seinem Befehl gehorcht. Diese dreifache Unterwerfung unter Gott bekennt Christus von sich selbst. Die erste (Mt 19,17): „Was fragst du mich über das Gute? Einer ist gut, Gott.“ Und hierzu bemerkt Hieronymus: „Wer ihn einen guten Meister genannt und ihn nicht als Gott oder den Sohn Gottes bekannt hatte, lernt, dass kein Mensch, wie heilig auch immer, im Vergleich mit Gott gut ist.“ Und hiermit gab er uns zu verstehen, dass er selbst in seiner menschlichen Natur nicht die Höhe der göttlichen Güte erreichte. Und weil „in Dingen, die groß sind, aber nicht an Masse, groß sein dasselbe ist wie gut sein“, wie Augustinus sagt (De Trin. vi, 8), wird aus diesem Grund gesagt, der Vater sei größer als Christus in seiner menschlichen Natur. Die zweite Unterwerfung wird Christus zugeschrieben, insofern geglaubt wird, dass alles, was Christus widerfuhr, durch göttliche Fügung geschah; daher sagt Dionysius (Coel. Hier. iv), dass Christus „der Anordnung Gottes des Vaters unterworfen ist“. Und dies ist die Unterwerfung der Dienstbarkeit, wodurch „jedes Geschöpf Gott dient“ (Judith 16,17), indem es seiner Anordnung unterworfen ist, gemäß Weish 16,24: „Die Schöpfung, die dir, dem Schöpfer, dient.“ Und auf diese Weise wird vom Sohn Gottes gesagt (Phil 2,7), er habe „Knechtsgestalt“ angenommen. Die dritte Unterwerfung schreibt er sich selbst zu, indem er sagt (Joh 8,29): „Ich tue allezeit das, was ihm gefällt.“ Und dies ist die Unterwerfung des Gehorsams gegenüber dem Vater bis zum Tod. Daher steht geschrieben (Phil 2,8), dass er dem Vater „gehorsam“ wurde „bis zum Tod“.
Zu Einwand 1 ist zu sagen: Wie wir nicht verstehen sollen, dass Christus schlechthin ein Geschöpf ist, sondern nur in seiner menschlichen Natur, ob diese Einschränkung nun hinzugefügt wird oder nicht, wie oben dargelegt (Quaestio 16, Artikel 8), so sollen wir auch verstehen, dass Christus dem Vater nicht schlechthin unterworfen ist, sondern in seiner menschlichen Natur, selbst wenn diese Einschränkung nicht hinzugefügt wird; und doch ist es besser, diese Einschränkung hinzuzufügen, um den Irrtum des Arius zu vermeiden, der behauptete, der Sohn sei geringer als der Vater.
Zu Einwand 2 ist zu sagen: Die Beziehung von Dienstbarkeit und Herrschaft gründet auf Tun und Leiden, insofern es einem Diener zukommt, durch den Willen seines Herrn bewegt zu werden. Nun wird das Handeln nicht der Natur als dem Handelnden zugeschrieben, sondern der Person, da „die Handlungen den Supposita und den Einzeldingen zukommen“, gemäß dem Philosophen (Metaph. i, 1). Dennoch wird das Handeln der Natur zugeschrieben als dem, wodurch die Person oder Hypostase handelt. Daher, obwohl von der Natur nicht eigentlich gesagt wird, dass sie herrscht oder dient, kann doch von jeder Hypostase oder Person eigentlich gesagt werden, dass sie in dieser oder jener Natur herrscht oder dient. Und auf diese Weise hindert nichts daran, dass Christus in der menschlichen Natur dem Vater unterworfen oder sein Diener ist.
Zu Einwand 3 ist zu sagen: Wie Augustinus sagt (De Trin. i, 8): „Christus wird das Reich Gott und dem Vater übergeben, wenn er die Gläubigen, über die er jetzt durch den Glauben herrscht, zur Schauung geführt hat“, d.h. um das dem Vater und dem Sohn gemeinsame Wesen zu sehen: und dann wird er dem Vater gänzlich unterworfen sein, nicht nur in sich selbst, sondern auch in seinen Gliedern durch die volle Teilhabe an der Gottheit. Und dann werden ihm alle Dinge durch die endgültige Erfüllung seines Willens bezüglich ihrer vollends unterworfen sein; obwohl ihm auch jetzt schon alle Dinge hinsichtlich seiner Macht unterworfen sind, gemäß Mt 28,18: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.“