II-II, q. 91 a. 2
Ob Gott mit Gesang gepriesen werden soll?
Quaestio 91 · Vom Gebrauch des göttlichen Namens zur Anrufung durch Lobpreis.
1. Einwand: Es scheint, dass Gott nicht mit Gesang gepriesen werden soll. Denn der Apostel sagt (Kol 3,16): „Lehrt und ermahnt einander in Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern.“ Nun sollten wir im göttlichen Gottesdienst nichts verwenden, außer was uns durch die Autorität der Schrift überliefert ist. Daher scheint es, dass wir beim Lobpreis Gottes nicht körperliche, sondern geistliche Lieder verwenden sollten.
2. Einwand: Ferner sagt Hieronymus in seinem Kommentar zu Eph 5,19 („Singt und spielt dem Herrn in euren Herzen“): „Hört zu, ihr jungen Männer, deren Pflicht es ist, das Offizium in der Kirche zu rezitieren: Gott soll nicht mit der Stimme, sondern mit dem Herzen besungen werden. Auch sollt ihr nicht wie Schauspieler Hals und Kehle mit Medikamenten geschmeidig machen und die Kirche mit theatralischen Maßen und Melodien widerhallen lassen.“ Also soll Gott nicht mit Gesang gepriesen werden.
3. Einwand: Ferner steht das Lob Gottes Kleinen und Großen zu, gemäß Offb 14: „Preiset unseren Gott, alle seine Knechte; und die ihr ihn fürchtet, Klein und Groß.“ Aber die Großen, die in der Kirche sind, sollen nicht singen: denn Gregor sagt (Regist. iv, ep. 44): „Ich ordne hiermit an, dass an diesem Stuhl die Diener des heiligen Altars nicht singen dürfen“ (vgl. Decret., dist. xcii., cap. In sancta Romana Ecclesia). Also ist das Singen für das göttliche Lob unpassend.
4. Einwand: Ferner wurde Gott im Alten Gesetz mit Musikinstrumenten und menschlichem Gesang gepriesen, gemäß Ps 32,2.3: „Preiset den Herrn auf der Harfe, singt ihm auf dem Psalter, dem Instrument von zehn Saiten. Singt ihm ein neues Lied.“ Aber die Kirche bedient sich beim göttlichen Lob keiner Musikinstrumente wie Harfen und Psalter, aus Furcht, die Juden nachzuahmen scheinen. Daher sollte in gleicher Weise auch kein Gesang beim göttlichen Lob verwendet werden.
5. Einwand: Ferner ist das Lob des Herzens wichtiger als das Lob der Lippen. Aber das Lob des Herzens wird durch das Singen behindert, sowohl weil die Aufmerksamkeit der Sänger von der Betrachtung dessen, was sie singen, abgelenkt wird, solange sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Gesang widmen, als auch weil andere die Dinge, die gesungen werden, weniger verstehen können, als wenn sie ohne Gesang rezitiert würden. Daher sollten Gesänge nicht beim göttlichen Lob verwendet werden.
Dagegen spricht, dass der selige Ambrosius den Gesang in der Kirche von Mailand einführte, wie Augustinus berichtet (Confess. ix).
Ich antworte darauf: Wie oben gesagt (Art. 1), ist das Lob der Stimme notwendig, um die Andacht des Menschen zu Gott zu erwecken. Daher wird alles, was nützlich ist, um zu diesem Ergebnis zu führen, geziemend in das göttliche Lob aufgenommen. Nun ist es offensichtlich, dass die menschliche Seele auf verschiedene Weise bewegt wird gemäß den verschiedenen Melodien des Klanges, wie der Philosoph feststellt (Polit. viii, 5) und auch Boethius (De Musica, Prolog). Daher ist der Gebrauch von Musik im göttlichen Lob eine heilsame Einrichtung, damit die Seelen der Kleinmütigen umso mehr zur Andacht angespornt werden. Weshalb Augustinus sagt (Confess. x, 33): „Ich bin geneigt, den Brauch des Singens in der Kirche zu billigen, damit durch das Entzücken der Ohren der schwache Geist zum Gefühl der Andacht emporgehoben werde“: und er sagt von sich selbst (Confess. ix, 6): „Ich weinte bei deinen Hymnen und Gesängen, tief berührt von den Stimmen deiner süß klingenden Kirche.“
Antwort auf den 1. Einwand: Der Name „geistliches Lied“ kann nicht nur jenen gegeben werden, die innerlich im Geiste gesungen werden, sondern auch jenen, die äußerlich mit den Lippen gesungen werden, insofern derartige Gesänge geistliche Andacht erwecken.
Antwort auf den 2. Einwand: Hieronymus verurteilt das Singen nicht absolut, sondern tadelt jene, die in der Kirche theatralisch singen, nicht um Andacht zu erwecken, sondern um sich zur Schau zu stellen oder um Vergnügen zu erregen. Daher sagt Augustinus (Confess. x, 33): „Wenn es mir widerfährt, dass ich mehr durch die Stimme als durch die gesungenen Worte bewegt werde, bekenne ich, strafbar gesündigt zu haben, und möchte dann den Sänger lieber nicht hören.“
Antwort auf den 3. Einwand: Die Menschen durch Lehre und Predigt zur Andacht zu erwecken, ist ein vorzüglicherer Weg als durch Singen. Daher sollten Diakone und Prälaten, denen es zukommt, den Geist der Menschen durch Predigt und Lehre zu Gott anzuspornen, nicht eifrig im Singen sein, damit sie dadurch nicht von größeren Dingen abgezogen werden. Daher sagt Gregor (Regist. iv, ep. 44): „Es ist ein höchst tadelnswerter Brauch, dass jene, die zum Diakonat erhoben wurden, als Chorsänger dienen; denn es geziemt sich für sie, ihre ganze Zeit der Pflicht der Predigt und der Sorge für die Almosen zu widmen.“
Antwort auf den 4. Einwand: Wie der Philosoph sagt (Polit. viii, 6), „sollte der Unterricht nicht von einer Flöte oder irgendeinem künstlichen Instrument wie der Harfe oder ähnlichem begleitet werden: sondern nur von solchen Dingen, die gute Zuhörer machen.“ Denn derartige Musikinstrumente bewegen die Seele eher zum Vergnügen, als dass sie eine gute Gesinnung in ihr schaffen. Im Alten Testament wurden Instrumente dieser Art verwendet, sowohl weil das Volk roher und fleischlicher war – so dass es durch solche Instrumente wie auch durch irdische Verheißungen aufgerüttelt werden musste – als auch weil diese materiellen Instrumente Vorbilder für etwas anderes waren.
Antwort auf den 5. Einwand: Die Seele wird von dem, was gesungen wird, durch einen Gesang abgelenkt, der zu dem Zweck verwendet wird, Vergnügen zu bereiten. Wenn aber der Sänger um der Andacht willen singt, achtet er mehr auf das, was er sagt, sowohl weil er länger dabei verweilt, als auch weil, wie Augustinus bemerkt (Confess. x, 33), „jede Regung unseres Geistes, gemäß ihrer Verschiedenheit, ihr eigenes angemessenes Maß in der Stimme und im Singen hat, durch eine gewisse verborgene Übereinstimmung, wodurch sie angeregt wird.“ Dasselbe gilt für die Zuhörer, denn selbst wenn einige von ihnen nicht verstehen, was gesungen wird, so verstehen sie doch, warum es gesungen wird, nämlich zur Ehre Gottes: und dies genügt, um ihre Andacht zu erwecken.