II-II, q. 41 a. 2
Ob der Streit eine Tochter des Zorns ist?
Quaestio 41 · Vom tätlichen Streit
1. Einwand: Es scheint, dass der Streit keine Tochter des Zorns ist. Denn es steht geschrieben (Jak 4,1): „Woher kommen Kriege und Streitigkeiten? Kommen sie nicht ... von euren Begierden, die in euren Gliedern streiten?“ Der Zorn aber gehört nicht zum Begehrungsvermögen. Also ist der Streit eine Tochter nicht des Zorns, sondern der Begierde.
2. Einwand: Ferner steht geschrieben (Spr 28,25): „Wer sich brüstet und aufbläst, erregt Streit.“ Nun ist Streit anscheinend dasselbe wie Hader. Also scheint es, dass der Streit eine Tochter des Stolzes oder der Ruhmsucht ist, die einen Menschen dazu bringt, sich zu brüsten und aufzublasen.
3. Einwand: Ferner steht geschrieben (Spr 18,6): „Die Lippen des Toren mischen sich in Streit.“ Nun unterscheidet sich die Torheit vom Zorn, denn sie ist nicht der Sanftmut entgegengesetzt, sondern der Weisheit oder Klugheit. Also ist der Streit keine Tochter des Zorns.
4. Einwand: Ferner steht geschrieben (Spr 10,12): „Hass erregt Streit.“ Aber Hass entsteht aus Neid, gemäß Gregor (Moral. xxxi, 17). Also ist der Streit keine Tochter des Zorns, sondern des Neides.
5. Einwand: Ferner steht geschrieben (Spr 17,19): „Wer Zwietracht sucht, sät [Vulg.: 'liebt'] Streit.“ Aber Zwietracht ist eine Tochter der Ruhmsucht, wie oben gesagt (Quaestio [37], Artikel [2]). Also ist es auch der Streit.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Moral. xxxi, 17), dass „der Zorn Streit hervorbringt“; und es steht geschrieben (Spr 15,18; 29,22): „Ein zorniger Mann erregt Streit.“
Ich antworte darauf, Wie oben gesagt (Artikel [1]), bezeichnet Streit einen Gegensatz, der sich auf Taten erstreckt, wenn ein Mensch plant, einem anderen zu schaden. Nun gibt es zwei Arten, wie ein Mensch beabsichtigen kann, einem anderen zu schaden. Auf eine Weise ist es so, als ob er schlechthin den Schaden des anderen beabsichtigte, was in diesem Fall das Ergebnis von Hass ist, denn die Absicht des Hasses ist auf den Schaden des Feindes gerichtet, sei es offen oder heimlich. Auf eine andere Weise beabsichtigt ein Mensch, einem anderen zu schaden, der seine Absicht kennt und ihr widersteht. Dies ist es, was wir unter Streit verstehen, und es gehört eigentlich zum Zorn, welcher das Verlangen nach Rache ist: Denn der zornige Mensch begnügt sich nicht damit, dem Gegenstand seines Zorns heimlich zu schaden, er will sogar, dass dieser den Schaden spürt und weiß, dass das, was er erleidet, aus Rache für das geschieht, was er getan hat, wie aus dem ersichtlich ist, was oben über die Leidenschaft des Zorns gesagt wurde (I-II, Quaestio [46], Artikel [6], ad 2). Deshalb entsteht der Streit eigentlich aus dem Zorn.
Antwort auf den 1. Einwand: Wie oben gesagt (I-II, Quaestio [25], Artikel [1], 2), entstehen alle leidenschaftlichen Regungen des Zornvermögens aus denen des Begehrungsvermögens, so dass alles, was die unmittelbare Folge des Zorns ist, auch aus der Begierde als aus seiner ersten Wurzel entsteht.
Antwort auf den 2. Einwand: Das Prahlen und Aufblasen seiner selbst, die das Ergebnis von Zorn oder Ruhmsucht sind, sind nicht die direkte, sondern die gelegentliche Ursache von Hader oder Streit, weil, wenn ein Mensch es übelnimmt, dass ein anderer ihm vorgezogen wird, sein Zorn erregt wird, und dann sein Zorn in Hader und Streit mündet.
Antwort auf den 3. Einwand: Der Zorn behindert, wie oben gesagt (I-II, Quaestio [48], Artikel [3]), das Urteil der Vernunft, so dass er eine Ähnlichkeit mit der Torheit hat. Daher haben sie eine gemeinsame Wirkung, da es auf einen Mangel der Vernunft zurückzuführen ist, dass ein Mensch plant, einem anderen auf ungeordnete Weise zu schaden.
Antwort auf den 4. Einwand: Obwohl Streit manchmal aus Hass entsteht, ist er nicht dessen eigentliche Wirkung, weil es, wenn ein Mensch einen anderen hasst, außerhalb seiner Absicht liegt, ihm in einer streitsüchtigen und offenen Weise zu schaden, da er manchmal versucht, ihm heimlich zu schaden. Wenn er jedoch sieht, dass er die Oberhand gewinnt, bemüht er sich, ihm mit Streit und Hader zu schaden. Aber einem Menschen im Streit zu schaden, ist die eigentliche Wirkung des Zorns, aus dem oben genannten Grund.
Antwort auf den 5. Einwand: Streitigkeiten erzeugen Hass und Zwietracht in den Herzen derer, die des Streites schuldig sind, und so verursacht derjenige, der „sucht“, d.h. beabsichtigt, Zwietracht unter anderen zu säen, dass sie untereinander streiten. Ebenso kann jede Sünde den Akt einer anderen Sünde befehlen, indem sie ihn auf ihr eigenes Ziel richtet. Dies beweist jedoch nicht, dass der Streit eigentlich und direkt die Tochter der Ruhmsucht ist.