II-II, q. 37 a. 2
Ob die Zwietracht eine Tochter der Ruhmsucht ist?
Quaestio 37 · Von der Zwietracht, die dem Frieden entgegengesetzt ist
Einwand 1: Es scheint, dass die Zwietracht keine Tochter der Ruhmsucht ist. Denn Zorn ist ein anderes Laster als Ruhmsucht. Nun ist Zwietracht anscheinend die Tochter des Zorns, gemäß Spr 15,18: „Ein zorniger Mann erregt Zank.“ Also ist sie keine Tochter der Ruhmsucht.
Einwand 2: Ferner: Augustinus sagt in der Auslegung der Worte von Joh 7,39, „Denn der Geist war noch nicht gegeben“ (Tract. xxxii): „Die Bosheit trennt, die Liebe eint.“ Nun ist Zwietracht lediglich eine Trennung der Willen. Also entspringt Zwietracht eher der Bosheit, d. h. dem Neid, als der Ruhmsucht.
Einwand 3: Ferner: Was Ursache vieler Übel ist, scheint ein Hauptlaster zu sein. Ein solches ist aber die Zwietracht, denn Hieronymus sagt im Kommentar zu Mt 12,25, „Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet“: „So wie Eintracht kleine Dinge wachsen lässt, so bringt Zwietracht die größten Dinge zu Fall.“ Daher sollte die Zwietracht selbst eher als ein Hauptlaster gerechnet werden denn als eine Tochter der Ruhmsucht.
Dagegen spricht die Autorität Gregors (Moral. xxxi, 45).
Ich antworte darauf, dass Zwietracht eine gewisse Uneinigkeit der Willen bezeichnet, insofern nämlich der Wille des einen Menschen an einer Sache festhält, während der Wille des anderen an etwas anderem festhält. Wenn nun der Wille eines Menschen an seiner eigenen Meinung festhält, so geschieht dies, weil er das Seine dem vorzieht, was anderen gehört; und wenn er dies in ungeordneter Weise tut, so geschieht dies aus Stolz und Ruhmsucht. Daher wird die Zwietracht, durch die ein Mensch an seiner eigenen Denkweise festhält und von der anderer abweicht, als eine Tochter der Ruhmsucht gerechnet.
Antwort auf Einwand 1: Zank ist nicht dasselbe wie Zwietracht, denn Zank besteht in äußeren Taten, weshalb es angemessen ist, dass er aus dem Zorn entspringt, der das Gemüt dazu anstachelt, den Nächsten zu verletzen; wohingegen Zwietracht in einer Abweichung der Willensbewegungen besteht, die aus Stolz oder Ruhmsucht entspringt, aus dem oben genannten Grund.
Antwort auf Einwand 2: Bei der Zwietracht können wir das betrachten, „wovon“ sie ausgeht (Terminus a quo), d. h. den Willen des anderen, von dem wir abweichen, und in dieser Hinsicht entspringt sie dem Neid; und wiederum können wir das betrachten, „worauf“ sie abzielt (Terminus ad quem), d. h. etwas Eigenes, an dem wir festhalten, und in dieser Hinsicht wird sie durch Ruhmsucht verursacht. Und da in jeder Bewegung das Ziel („woraufhin“) wichtiger ist als der Ausgangspunkt („wovon“), weil das Ende höher zu bewerten ist als der Anfang, wird die Zwietracht eher als eine Tochter der Ruhmsucht denn des Neides angesehen, obwohl sie aus beiden aus unterschiedlichen Gründen entstehen kann, wie dargelegt.
Antwort auf Einwand 3: Der Grund, warum Eintracht kleine Dinge gedeihen lässt, während Zwietracht die größten zu Fall bringt, ist, dass „eine Kraft umso stärker ist, je geeinter sie ist, während sie umso schwächer wird, je ungeeinter sie ist“ (De Causis xvii). Daher ist es offensichtlich, dass dies Teil der eigentlichen Wirkung der Zwietracht ist, welche eine Uneinigkeit der Willen ist, und keineswegs darauf hinweist, dass andere Laster aus der Zwietracht entspringen, als ob sie ein Hauptlaster wäre.