II-II, q. 37 a. 1
Ob die Zwietracht eine Sünde ist?
Quaestio 37 · Von der Zwietracht, die dem Frieden entgegengesetzt ist
Einwand 1: Es scheint, dass die Zwietracht keine Sünde ist. Denn mit einem Menschen uneins zu sein, bedeutet, sich vom Willen eines anderen zu trennen. Dies scheint aber keine Sünde zu sein, weil allein Gottes Wille und nicht der des Nächsten die Regel unseres eigenen Willens ist. Also ist Zwietracht keine Sünde.
Einwand 2: Ferner: Wer einen anderen zur Sünde verleitet, sündigt auch selbst. Es scheint aber keine Sünde zu sein, andere zur Zwietracht anzustacheln; denn es steht geschrieben (Apg 23,6), dass Paulus, da er wusste, dass der eine Teil Sadduzäer und der andere Pharisäer waren, im Rat rief: „Ihr Männer und Brüder, ich bin ein Pharisäer und ein Sohn von Pharisäern; wegen der Hoffnung und der Auferstehung der Toten werde ich gerichtet.“ Und als er dies gesagt hatte, „entstand ein Zwiespalt zwischen den Pharisäern und Sadduzäern“. Also ist Zwietracht keine Sünde.
Einwand 3: Ferner: Sünde, besonders Todsünde, findet sich nicht in einem heiligen Menschen. Aber Zwietracht findet sich auch unter heiligen Menschen; denn es steht geschrieben (Apg 15,39): „Es entstand eine Erbitterung“ zwischen Paulus und Barnabas, „sodass sie sich voneinander trennten.“ Also ist Zwietracht keine Sünde, und am allerwenigsten eine Todsünde.
Dagegen spricht, dass „Spaltungen“, das heißt Zwietracht, zu den Werken des Fleisches gerechnet werden (Gal 5,20), von denen es danach heißt (Gal 5,21), dass „die, welche solches tun, das Reich Gottes nicht ererben werden“. Nun schließt nichts außer der Todsünde den Menschen vom Reich Gottes aus. Also ist die Zwietracht eine Todsünde.
Ich antworte darauf, dass die Zwietracht der Eintracht entgegensteht. Nun geht die Eintracht, wie oben ausgeführt (Quaestio [29], Artikel [1] und 3), aus der Liebe hervor, insofern die Liebe viele Herzen auf eine Sache hin ausrichtet, welche vornehmlich das göttliche Gut ist und in zweiter Linie das Gut des Nächsten. Daher ist die Zwietracht eine Sünde, insofern sie dieser Eintracht entgegensteht.
Es muss jedoch beachtet werden, dass diese Eintracht durch Zwietracht auf zweifache Weise zerstört wird: erstens direkt, zweitens akzidentell (zufällig). Menschliche Handlungen und Bewegungen werden als direkt bezeichnet, wenn sie der Absicht entsprechen. Daher ist ein Mensch direkt uneins mit seinem Nächsten, wenn er wissentlich und willentlich vom göttlichen Gut und dem Gut seines Nächsten abweicht, denen er zustimmen sollte. Dies ist ihrer Art nach eine Todsünde, weil sie der Liebe widerspricht, wenngleich die ersten Regungen einer solchen Zwietracht aufgrund der Unvollkommenheit des Aktes lässliche Sünden sind.
Das Akzidentelle in menschlichen Handlungen ist das, was außerhalb der Absicht geschieht. Wenn also mehrere ein Gut beabsichtigen, das zur Ehre Gottes oder zum Nutzen des Nächsten gehört, der eine aber dieses für gut hält, der andere jedoch das Gegenteil meint, so ist die Zwietracht in diesem Fall akzidentell im Gegensatz zum göttlichen Gut oder dem des Nächsten. Eine solche Zwietracht ist weder sündhaft noch gegen die Liebe, es sei denn, sie ist begleitet von einem Irrtum über heilsnotwendige Dinge oder von ungebührlicher Hartnäckigkeit; denn es wurde auch oben gesagt (Quaestio [29], Artikel [1] und 3, ad 2), dass die Eintracht, welche eine Wirkung der Liebe ist, eine Einigung der Willen ist, nicht der Meinungen. Daraus folgt, dass Zwietracht manchmal nur die Sünde einer Partei ist, zum Beispiel, wenn einer ein Gut will, dem der andere wissentlich widersteht; während sie manchmal Sünde auf beiden Seiten impliziert, etwa wenn jeder vom Gut des anderen abweicht und das Seine liebt.
Antwort auf Einwand 1: Der Wille eines Menschen, für sich betrachtet, ist nicht die Regel für den Willen eines anderen Menschen; aber insofern der Wille unseres Nächsten dem Willen Gottes anhängt, wird er infolgedessen zu einer Regel, die nach ihrem eigenen Maß reguliert ist. Daher ist es eine Sünde, mit einem solchen Willen uneins zu sein, weil man durch eben diese Tatsache mit der göttlichen Regel uneins ist.
Antwort auf Einwand 2: So wie der Wille eines Menschen, der Gott anhängt, eine rechte Regel ist, der zu widersprechen Sünde ist, so ist der Wille eines Menschen, der Gott entgegengesetzt ist, eine verkehrte Regel, der zu widersprechen gut ist. Daher ist es eine schwere Sünde, eine Zwietracht zu verursachen, wodurch eine gute Eintracht, die aus der Liebe resultiert, zerstört wird; weshalb geschrieben steht (Spr 6,16): „Sechs Dinge sind es, die der Herr hasst, und das siebte verabscheut seine Seele“, wobei als siebtes genannt wird (Spr 6,19): „wer Zwietracht sät unter Brüdern“. Andererseits ist es lobenswert, eine Zwietracht zu erregen, wodurch eine böse Eintracht (d. h. Eintracht in einem bösen Willen) zerstört wird. Auf diese Weise war Paulus dafür zu loben, dass er Zwietracht unter denen säte, die im Bösen einig waren, weil auch unser Herr von sich selbst sagte (Mt 10,34): „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“
Antwort auf Einwand 3: Die Zwietracht zwischen Paulus und Barnabas war akzidentell und nicht direkt: denn jeder beabsichtigte ein Gut, doch hielt der eine dies für gut, während der andere etwas anderes dachte, was auf menschliche Unzulänglichkeit zurückzuführen war; denn jene Kontroverse betraf keine heilsnotwendigen Dinge. Zudem war all dies von der göttlichen Vorsehung so geordnet, wegen des Guten, das daraus folgen sollte.