II-II, q. 179 a. 2
Ob das Leben hinreichend in das aktive und das kontemplative eingeteilt wird?
Quaestio 179 · Von der Einteilung des Lebens in das tätige und das beschauliche.
Einwand 1: Es scheint, dass das Leben nicht hinreichend in das aktive und das kontemplative eingeteilt wird. Denn der Philosoph sagt (Ethic. i, 5), dass es drei hervorstechendste Arten des Lebens gibt: das Leben des „Genusses“, das „bürgerliche“, welches dasselbe wie das aktive zu sein scheint, und das „kontemplative“ Leben. Daher scheint die Einteilung des Lebens in das aktive und das kontemplative unzureichend zu sein.
Einwand 2: Ferner erwähnt Augustinus (De Civ. Dei xix, 1,2,3,19) drei Arten des Lebens, nämlich das Leben der „Muße“, welches zum kontemplativen gehört, das „geschäftige“ Leben, welches zum aktiven gehört, und ein drittes, das „aus beiden zusammengesetzt“ ist. Daher scheint es, dass das Leben unzureichend in das aktive und das kontemplative eingeteilt wird.
Einwand 3: Ferner ist das Leben des Menschen verschiedenartig gestaltet gemäß den verschiedenen Handlungen, mit denen die Menschen beschäftigt sind. Nun gibt es mehr als zwei Beschäftigungen menschlicher Handlungen. Daher scheint es, dass das Leben in mehr Arten eingeteilt werden sollte als in das aktive und das kontemplative.
Dagegen spricht, dass diese zwei Leben durch die zwei Frauen Jakobs bezeichnet werden; das aktive durch Lia und das kontemplative durch Rahel: und durch die zwei Gastgeberinnen unseres Herrn; das kontemplative Leben durch Maria und das aktive Leben durch Martha, wie Gregor erklärt (Moral. vi, 37). Nun wäre diese Bezeichnung nicht passend, wenn es mehr als zwei Leben gäbe. Daher wird das Leben hinreichend in das aktive und das kontemplative eingeteilt.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Artikel 1, ad 2), diese Einteilung auf das menschliche Leben zutrifft, wie es vom Intellekt hergeleitet wird. Nun wird der Intellekt in den aktiven und den kontemplativen eingeteilt, da das Ziel der intellektiven Erkenntnis entweder die Kenntnis der Wahrheit selbst ist, was zum kontemplativen Intellekt gehört, oder irgendeine äußere Handlung, was zum praktischen oder aktiven Intellekt gehört. Daher wird auch das Leben hinreichend in das aktive und das kontemplative eingeteilt.
Antwort auf Einwand 1: Das Leben des Genusses setzt sein Ziel in die Lüste des Körpers, die uns und den stummen Tieren gemeinsam sind; weshalb es, wie der Philosoph sagt (Ethic. i, 5), das Leben „eines Viehes“ ist. Daher ist es in dieser Einteilung des Lebens eines Menschen in das aktive und das kontemplative nicht enthalten.
Antwort auf Einwand 2: Eine Mitte ist eine Verbindung der Extreme, weshalb sie virtuell in ihnen enthalten ist, wie das Lauwarme im Heißen und Kalten, und das Bleiche im Weißen und Schwarzen. In gleicher Weise umfassen das Aktive und das Kontemplative jenes, das aus beiden zusammengesetzt ist. Nichtsdestoweniger, wie in jeder Mischung eines der Einfachen vorherrscht, so ist auch im mittleren Lebenszustand manchmal das kontemplative, manchmal das aktive Element im Überfluss vorhanden.
Antwort auf Einwand 3: Alle Beschäftigungen menschlicher Handlungen gehören, wenn sie auf die Erfordernisse des gegenwärtigen Lebens in Übereinstimmung mit der rechten Vernunft gerichtet sind, zum aktiven Leben, welches für die Notwendigkeiten des gegenwärtigen Lebens mittels wohlgeordneter Tätigkeit sorgt. Wenn sie hingegen irgendeiner Begierde dienen, gehören sie zum Leben des Genusses, welches nicht unter dem aktiven Leben begriffen wird. Jene menschlichen Beschäftigungen aber, die auf die Betrachtung der Wahrheit gerichtet sind, gehören zum kontemplativen Leben.