II-II, q. 179 a. 1
Ob das Leben passend in das aktive und das kontemplative eingeteilt wird?
Quaestio 179 · Von der Einteilung des Lebens in das tätige und das beschauliche.
Einwand 1: Es scheint, dass das Leben nicht passend in das aktive und das kontemplative eingeteilt wird. Denn die Seele ist durch ihr Wesen das Prinzip des Lebens: da der Philosoph sagt (De Anima ii, 4), dass „für die Lebewesen das Leben das Sein ist“. Nun ist die Seele aber durch ihre Vermögen das Prinzip der Tätigkeit und der Kontemplation. Daher scheint es, dass das Leben nicht passend in das aktive und das kontemplative eingeteilt wird.
Einwand 2: Ferner wird eine Einteilung dessen, was später kommt, unpassend auf das angewandt, was zuerst kommt. Nun sind aber aktiv und kontemplativ, oder „spekulativ“ und „praktisch“, Unterschiede des Intellekts (De Anima iii, 10); „leben“ aber kommt vor „verstehen“, da das „Leben“ den Lebewesen zuerst durch die vegetative Seele zukommt, wie der Philosoph feststellt (De Anima ii, 4). Daher wird das Leben unpassend in das aktive und das kontemplative eingeteilt.
Einwand 3: Ferner impliziert das Wort „Leben“ Bewegung, gemäß Dionysius (Div. Nom. vi): wohingegen die Kontemplation eher in der Ruhe besteht, gemäß Weish 8,16: „Wenn ich in mein Haus eintrete, werde ich mich bei ihr ausruhen.“ Daher scheint es, dass das Leben unpassend in das aktive und das kontemplative eingeteilt wird.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Hom. xiv super Ezech.): „Es gibt ein zweifaches Leben, in dem der allmächtige Gott uns durch sein heiliges Wort unterweist: das aktive Leben und das kontemplative.“
Ich antworte darauf, dass man im eigentlichen Sinne von jenen Dingen sagt, sie würden leben, deren Bewegung oder Tätigkeit von innen heraus, aus ihnen selbst kommt. Nun ist dasjenige, was einer Sache eigen ist und wozu sie am meisten neigt, das, was ihr aus sich selbst heraus am meisten zukommt; weshalb jedes Lebewesen den Beweis seines Lebens durch jene Tätigkeit erbringt, die ihm am meisten eigen ist und zu der es am meisten neigt. So sagt man, das Leben der Pflanzen bestehe in Ernährung und Zeugung; das Leben der Tiere in Empfindung und Bewegung; und das Leben der Menschen im Verstehen und Handeln gemäß der Vernunft. Weshalb auch bei den Menschen das Leben eines jeden Menschen dasjenige zu sein scheint, woran er sich am meisten erfreut und worauf er am meisten bedacht ist; so wünscht er besonders, „mit seinen Freunden zusammenzuleben“ (Ethic. ix, 12).
Da nun gewisse Menschen besonders auf die Betrachtung der Wahrheit bedacht sind, während andere besonders auf äußere Handlungen bedacht sind, folgt daraus, dass das menschliche Leben passend in das aktive und das kontemplative eingeteilt wird.
Antwort auf Einwand 1: Die eigene Form eines jeden Dinges, die es dazu bringt, aktuell „zu sein“, ist im eigentlichen Sinne das Prinzip der Tätigkeit dieses Dinges. Daher ist „leben“ bei den Lebewesen „sein“, weil die Lebewesen dadurch, dass sie das „Sein“ durch ihre Form haben, auf diese oder jene Weise tätig sind.
Antwort auf Einwand 2: Das Leben im Allgemeinen wird nicht in das aktive und das kontemplative eingeteilt, sondern das Leben des Menschen, der seine Spezies dadurch erhält, dass er einen Intellekt besitzt; weshalb dieselbe Einteilung auf den Intellekt und das menschliche Leben zutrifft.
Antwort auf Einwand 3: Es ist wahr, dass die Kontemplation Ruhe von äußeren Bewegungen genießt. Nichtsdestoweniger ist das Kontemplieren selbst eine Bewegung des Intellekts, insofern jede Tätigkeit als eine Bewegung bezeichnet wird; in diesem Sinne sagt der Philosoph (De Anima iii, 7), dass Empfinden und Verstehen Bewegungen eigener Art sind, insofern Bewegung definiert wird als „der Akt eines Vollkommenen“. In dieser Weise schreibt Dionysius (Div. Nom. iv) der Seele in der Kontemplation drei Bewegungen zu, nämlich die „gerade“, die „kreisförmige“ und die „schiefe“.