II-II, q. 176 a. 1
Ob diejenigen, welche die Gnadengabe der Zungenrede empfingen, in allen Sprachen redeten?
Quaestio 176 · Von der Gnade der Zungen
Einwand 1: Es scheint, dass diejenigen, welche die Gnadengabe der Zungenrede empfingen, nicht in allen Sprachen redeten. Denn was bestimmten Personen durch die göttliche Macht gewährt wird, ist das Beste in seiner Art: so verwandelte unser Herr das Wasser in guten Wein, wie in Joh 2,10 berichtet wird. Nun aber sprachen jene, welche die Gabe der Zungenrede hatten, besser in ihrer eigenen Sprache; denn eine Glosse zu Hebr 1 besagt, es sei „nicht verwunderlich, dass der Brief an die Hebräer stilvoller ist als die anderen Briefe, da es für einen Menschen natürlich ist, seine eigene Sprache besser zu beherrschen als eine fremde. Denn der Apostel schrieb die anderen Briefe in einer fremden, nämlich der griechischen Mundart; diesen aber schrieb er in der hebräischen Sprache.“ Folglich empfingen die Apostel die Kenntnis aller Sprachen nicht durch eine unverdiente Gnade.
Einwand 2: Ferner wendet die Natur nicht viele Mittel an, wo eines ausreicht; und noch viel weniger Gott, dessen Wirken ordnungsgemäßer ist als das der Natur. Nun hätte Gott bewirken können, dass seine Jünger von allen verstanden werden, während sie nur eine Sprache sprechen: daher sagt eine Glosse zu Apg 2,6 („Ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden“), dass „sie in jeder Sprache redeten, oder aber, indem sie in ihrer eigenen, nämlich der hebräischen Sprache redeten, von allen verstanden wurden, als ob sie die jedem einzelnen eigene Sprache sprächen.“ Daher scheint es, dass sie nicht die Kenntnis besaßen, in allen Sprachen zu reden.
Einwand 3: Ferner fließen alle Gnaden von Christus auf seinen Leib über, welcher die Kirche ist, gemäß Joh 1,16: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen.“ Nun lesen wir nicht, dass Christus mehr als eine Sprache sprach, noch spricht jeder der Gläubigen heute anders als in einer Zunge. Daher scheint es, dass die Jünger Christi die Gnade nicht in dem Ausmaß empfingen, dass sie in allen Sprachen redeten.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Apg 2,4), dass „sie alle vom Heiligen Geist erfüllt wurden und begannen, in verschiedenen Zungen zu reden, so wie der Heilige Geist es ihnen eingab“; zu dieser Stelle sagt eine Glosse von Gregor [*Hom. xxx in Ev.], dass „der Heilige Geist über den Jüngern in Gestalt von feurigen Zungen erschien und ihnen die Kenntnis aller Zungen gab.“
Ich antworte darauf: Die ersten Jünger Christi wurden von Ihm erwählt, damit sie sich über die ganze Welt zerstreuen und seinen Glauben überall predigen sollten, gemäß Mt 28,19: „Geht hin... lehrt alle Völker.“ Nun war es nicht angemessen, dass jene, die gesandt wurden, um andere zu lehren, selbst von anderen belehrt werden müssten, sei es darüber, wie sie zu anderen Menschen sprechen sollten, oder wie sie jene verstehen sollten, die zu ihnen sprachen; und dies umso mehr, als jene, die gesandt wurden, aus einem einzigen Volk stammten, nämlich aus Judäa, gemäß Jes 27,6: „Wenn sie aus Jakob hervorbrechen [*Vulg.: 'Wenn sie hineilen zu Jakob', etc.]... werden sie das Antlitz der Welt mit Samen füllen.“ Zudem waren jene, die gesandt wurden, arm und machtlos; auch hätten sie zu Beginn nicht leicht jemanden finden können, der ihre Worte anderen treu dolmetschte oder ihnen erklärte, was andere zu ihnen sagten, besonders da sie zu Ungläubigen gesandt waren. Folglich war es in dieser Hinsicht notwendig, dass Gott sie mit der Gabe der Zungenrede ausstattete; damit, so wie die Verschiedenheit der Zungen über die Völker gebracht wurde, als sie zum Götzendienst abfielen (gemäß Gen 11), so auch, wenn die Völker zur Anbetung des einen Gottes zurückgerufen werden sollten, dieser Verschiedenheit durch die Gabe der Zungenrede ein Heilmittel entgegengesetzt würde.
Antwort auf Einwand 1: Wie geschrieben steht (1 Kor 12,7), wird „die Offenbarung des Geistes jedem zum Nutzen gegeben“; und folglich wurden sowohl Paulus als auch die anderen Apostel göttlich in den Sprachen aller Völker unterwiesen, soweit es für die Erfordernisse der Glaubenslehre hinreichend war. Was jedoch die Anmut und Eleganz des Stils betrifft, welche die menschliche Kunst einer Sprache hinzufügt, so war der Apostel in seiner eigenen, nicht aber in einer fremden Sprache unterwiesen. Ebenso waren sie hinreichend in Weisheit und wissenschaftlicher Erkenntnis unterwiesen, wie es für die Lehre des Glaubens erforderlich war, aber nicht in allen Dingen, die durch erworbene Wissenschaft bekannt sind, wie zum Beispiel die Schlussfolgerungen der Arithmetik und Geometrie.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl beides möglich war, nämlich dass sie, während sie in einer Zunge sprachen, von allen verstanden würden, oder dass sie in allen Zungen sprächen, war es angemessener, dass sie in allen Zungen sprächen, weil dies zur Vollkommenheit ihrer Erkenntnis gehörte, wodurch sie fähig waren, nicht nur zu sprechen, sondern auch zu verstehen, was von anderen gesagt wurde. Wäre hingegen ihre eine Sprache für alle verständlich gewesen, so wäre dies entweder auf das Wissen derer zurückzuführen gewesen, die ihre Rede verstanden, oder es wäre auf eine Täuschung hinausgelaufen, da die Worte eines Menschen in den Ohren eines anderen einen anderen Klang gehabt hätten als den, mit dem sie geäußert wurden. Daher sagt eine Glosse zu Apg 2,6, dass „es ein größeres Wunder war, dass sie alle Arten von Zungen sprachen“; und Paulus sagt (1 Kor 14,18): „Ich danke meinem Gott, dass ich mehr als ihr alle in Zungen rede.“
Antwort auf Einwand 3: Christus beabsichtigte in seiner eigenen Person nur einem Volk zu predigen, nämlich den Juden. Folglich, obwohl Er ohne jeden Zweifel die Kenntnis aller Sprachen auf vollkommenste Weise besaß, bestand für Ihn keine Notwendigkeit, in jeder Zunge zu sprechen. Und deshalb sagt Augustinus (Tract. xxxii in Joan.): „Obwohl auch jetzt der Heilige Geist empfangen wird, spricht doch niemand in den Zungen aller Völker, weil die Kirche selbst bereits die Sprachen aller Völker spricht: denn wer nicht in der Kirche ist, empfängt nicht den Heiligen Geist.“