II-II, q. 160 a. 1
Ob die Bescheidenheit ein Teil der Mäßigung ist?
Quaestio 160 · Von der Bescheidenheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Bescheidenheit kein Teil der Mäßigung ist. Denn die Bescheidenheit (modestia) wird vom Maß (modus) benannt. Nun ist das Maß in jeder Tugend erforderlich; denn die Tugend ist auf das Gute ausgerichtet; und das „Gute“, so Augustinus (De Nat. Boni 3), „besteht in Maß, Gestalt und Ordnung“. Daher ist die Bescheidenheit eine allgemeine Tugend und sollte folglich nicht als ein Teil der Mäßigung gerechnet werden.
Einwand 2: Ferner scheint die Mäßigung hauptsächlich wegen ihrer Mäßigung (moderatio) lobenswert zu sein. Dies aber gibt der Bescheidenheit ihren Namen. Daher ist die Bescheidenheit dasselbe wie die Mäßigung und nicht einer ihrer Teile.
Einwand 3: Ferner scheint die Bescheidenheit die Zurechtweisung unseres Nächsten zu betreffen, gemäß 2 Tim 2,24-25: „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht zanken, sondern milde sein gegen jedermann ... mit Bescheidenheit die Widerspenstigen zurechtweisen.“ Nun ist das Zurechtweisen von Übeltätern ein Akt der Gerechtigkeit oder der Nächstenliebe, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [33], Artikel [1]). Daher ist die Bescheidenheit anscheinend eher ein Teil der Gerechtigkeit als der Mäßigung.
Dagegen spricht, dass Tullius (De Invent. Rhet. ii, 54) die Bescheidenheit als einen Teil der Mäßigung rechnet.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Quaestio [141], Artikel [4]; Quaestio [157], Artikel [3]), die Mäßigung das Maß in jene Dinge bringt, in denen es am schwierigsten ist, maßvoll zu sein, nämlich in die Begierden der Tastfreuden. Wo immer nun eine besondere Tugend eine Materie von sehr großer Bedeutung betrifft, muss es notwendigerweise eine andere Tugend für Angelegenheiten von geringerer Bedeutung geben: denn das Leben des Menschen muss durch die Tugenden in Bezug auf alles geregelt werden. So wurde oben (Quaestio [134], Artikel [3], zu 1) festgestellt, dass, während die Großartigkeit (magnificentia) sich auf große Ausgaben bezieht, zusätzlich die Freigebigkeit (liberalitas) nötig ist, die sich mit gewöhnlichen Ausgaben befasst. Daher ist eine Tugend nötig, um andere, geringere Angelegenheiten zu mäßigen, wo die Mäßigung nicht so schwierig ist. Diese Tugend wird Bescheidenheit genannt und ist der Mäßigung als ihrer Haupttugend angegliedert.
Antwort auf Einwand 1: Wenn ein Name vielen gemeinsam ist, wird er manchmal denen des niedrigsten Ranges zugeeignet; so wird der gemeinsame Name Engel der niedrigsten Ordnung der Engel zugeeignet. In gleicher Weise wird das Maß, das von allen Tugenden gemeinsam beobachtet wird, speziell jener Tugend zugeeignet, die das Maß in den geringsten Dingen vorschreibt.
Antwort auf Einwand 2: Manche Dinge bedürfen der Mäßigung aufgrund ihrer Stärke, so wie wir starken Wein mäßigen. Aber Mäßigung ist in allen Dingen notwendig: weshalb die Mäßigung (temperantia) mehr mit starken Leidenschaften befasst ist und die Bescheidenheit mit schwächeren Leidenschaften.
Antwort auf Einwand 3: Die Bescheidenheit ist dort im Sinne der allgemeinen Mäßigung zu verstehen, die in allen Tugenden notwendig ist.