II-II, q. 159 a. 2
Ob sich die Grausamkeit von der Wildheit oder Brutalität unterscheidet?
Quaestio 159 · Von der Grausamkeit
Einwand 1: Es scheint, dass sich die Grausamkeit nicht von der Wildheit oder Brutalität unterscheidet. Denn anscheinend ist ein Laster einer Tugend auf eine einzige Weise entgegengesetzt. Nun sind sowohl Wildheit als auch Grausamkeit der Milde durch Übermaß entgegengesetzt. Daher scheint es, dass Wildheit und Grausamkeit dasselbe sind.
Einwand 2: Ferner sagt Isidor (Etym. x), dass „Strenge (severitas) gleichsam Wildheit mit Wahrheit (saeva veritas) ist, weil sie an der Gerechtigkeit festhält, ohne auf die Frömmigkeit zu achten“: so dass die Wildheit jene Milderung der Strafe bei der Urteilsfindung auszuschließen scheint, die von der Frömmigkeit gefordert wird. Dies aber wurde der Grausamkeit zugeschrieben (Artikel [1], zu 1). Daher ist Grausamkeit dasselbe wie Wildheit.
Einwand 3: Ferner, so wie es ein Laster gibt, das einer Tugend durch Übermaß entgegengesetzt ist, so gibt es eines, das ihr durch Mangel entgegengesetzt ist; letzteres ist sowohl der Tugend, die die Mitte bildet, als auch dem Laster, das im Übermaß besteht, entgegengesetzt. Nun ist dasselbe Laster, das zum Mangel gehört, sowohl der Grausamkeit als auch der Wildheit entgegengesetzt, nämlich Nachlässigkeit oder Laxheit. Denn Gregor sagt (Moral. xx, 5): „Es sei Liebe da, aber nicht jene, die verweichlicht; es sei Strenge da, aber ohne Wut; es sei Eifer da ohne unziemliche Wildheit; es sei Frömmigkeit da ohne unangemessene Milde.“ Daher ist Wildheit dasselbe wie Grausamkeit.
Dagegen spricht, dass Seneca sagt (De Clementia ii, 4): „Ein Mensch, der zürnt, ohne verletzt zu sein, oder auf jemanden, der ihn nicht beleidigt hat, wird nicht grausam genannt, sondern brutal oder wild.“
Ich antworte darauf, dass „Wildheit“ und „Brutalität“ ihre Namen von einer Ähnlichkeit mit wilden Tieren haben, die ebenfalls als wild bezeichnet werden. Denn Tiere dieser Art greifen den Menschen an, um sich von seinem Körper zu ernähren, und nicht aus einem Motiv der Gerechtigkeit, deren Erwägung allein der Vernunft zukommt. Daher bezieht sich Brutalität oder Wildheit eigentlich auf jene, die bei der Verhängung von Strafe nicht ein Vergehen der bestraften Person im Blick haben, sondern lediglich das Vergnügen, das sie aus der Qual eines Menschen ziehen. Folglich ist es offensichtlich, dass dies unter die Bestialität fällt: denn ein solches Vergnügen ist nicht menschlich, sondern bestialisch, und resultiert entweder aus böser Gewohnheit oder aus einer verdorbenen Natur, wie auch andere bestialische Regungen. Andererseits beachtet die Grausamkeit zwar das Vergehen der bestraften Person, überschreitet aber das Maß beim Strafen: Daher unterscheidet sich die Grausamkeit von der Wildheit oder Brutalität, wie sich menschliche Bosheit von der Bestialität unterscheidet, wie in Ethic. vii, 5 dargelegt.
Antwort auf Einwand 1: Milde ist eine menschliche Tugend; daher ist ihr direkt die Grausamkeit entgegengesetzt, die eine Form menschlicher Bosheit ist. Aber Wildheit oder Brutalität fällt unter die Bestialität, weshalb sie nicht direkt der Milde entgegengesetzt ist, sondern einer vorzüglicheren Tugend, die der Philosoph (Ethic. vii, 5) „heroisch“ oder „göttlich“ nennt, was nach unserer Auffassung zu den Gaben des Heiligen Geistes zu gehören scheint. Folglich können wir sagen, dass die Wildheit direkt der Gabe der Frömmigkeit (donum pietatis) entgegengesetzt ist.
Antwort auf Einwand 2: Ein strenger Mann wird nicht schlechthin wild genannt, weil dies ein Laster impliziert; sondern er wird „wild in Bezug auf die Wahrheit“ genannt, aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit zur Wildheit, die nicht dazu neigt, die Strafe zu mildern.
Antwort auf Einwand 3: Der Erlass von Strafe ist kein Laster, außer er missachtet die Ordnung der Gerechtigkeit, welche verlangt, dass ein Mensch aufgrund seines Vergehens bestraft wird, und welche die Grausamkeit überschreitet. Andererseits missachtet die Wildheit diese Ordnung gänzlich. Daher ist der Erlass von Strafe der Grausamkeit entgegengesetzt, nicht aber der Wildheit.