II-II, q. 159 a. 1
Ob die Grausamkeit der Milde entgegengesetzt ist?
Quaestio 159 · Von der Grausamkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Grausamkeit der Milde nicht entgegengesetzt ist. Denn Seneca sagt (De Clementia ii, 4), dass „jene grausam genannt werden, die das Maß beim Strafen überschreiten“, was der Gerechtigkeit widerspricht. Nun wird die Milde nicht als Teil der Gerechtigkeit, sondern der Mäßigung gerechnet. Daher ist die Grausamkeit anscheinend nicht der Milde entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Jer 6,23): „Grausam sind sie und werden kein Erbarmen haben“; so dass die Grausamkeit dem Erbarmen entgegengesetzt zu sein scheint. Nun ist das Erbarmen nicht dasselbe wie die Milde, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [157], Artikel [4], zu 3). Daher ist die Grausamkeit nicht der Milde entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner befasst sich die Milde mit der Verhängung von Strafe, wie oben dargelegt (Quaestio [157], Artikel [1]): Die Grausamkeit hingegen bezieht sich auf den Entzug von Wohltaten, gemäß Spr 11,17: „Wer aber grausam ist, verstößt sogar seine eigenen Verwandten.“ Daher ist die Grausamkeit nicht der Milde entgegengesetzt.
Dagegen spricht, dass Seneca sagt (De Clementia ii, 4), „das Gegenteil der Milde ist die Grausamkeit, welche nichts anderes ist als Härte des Herzens beim Einfordern von Strafe.“
Ich antworte darauf, dass die Grausamkeit (crudelitas) ihren Namen anscheinend von der „Rohheit“ (cruditas) hat. Denn so wie Dinge, wenn sie gekocht und zubereitet sind, gewöhnlich einen angenehmen und süßen Geschmack haben, so haben sie, wenn sie roh sind, einen unangenehmen und bitteren Geschmack. Nun wurde oben dargelegt (Quaestio [157], Artikel [3], zu 1; Artikel [4], zu 3), dass Milde eine gewisse Glätte oder Süße der Seele bezeichnet, durch welche man geneigt ist, die Strafe zu mildern. Daher ist die Grausamkeit der Milde direkt entgegengesetzt.
Antwort auf Einwand 1: So wie es der Billigkeit zukommt, die Strafe gemäß der Vernunft zu mildern, während die Süße der Seele, die einen dazu neigen lässt, der Milde zugehört: so gehört auch das Übermaß im Strafen, was die äußere Handlung betrifft, zur Ungerechtigkeit; was aber die Härte des Herzens betrifft, die einen bereit macht, die Strafe zu vermehren, so gehört dies zur Grausamkeit.
Antwort auf Einwand 2: Erbarmen und Milde kommen darin überein, dass beide das Unglück eines anderen fliehen und davor zurückschrecken, jedoch auf unterschiedliche Weise. Denn es kommt dem Erbarmen zu [*Vgl. Quaestio [30], Artikel [1]], das Unglück eines anderen durch eine wohltätige Handlung zu lindern, während es der Milde zukommt, das Unglück eines anderen durch das Nachlassen der Strafe zu mildern. Und da Grausamkeit ein Übermaß beim Einfordern von Strafe bezeichnet, ist sie der Milde direkter entgegengesetzt als dem Erbarmen; doch aufgrund der gegenseitigen Ähnlichkeit dieser Tugenden wird Grausamkeit manchmal für Unbarmherzigkeit genommen.
Antwort auf Einwand 3: Grausamkeit wird dort für Unbarmherzigkeit genommen, welche ein Mangel an Wohltätigkeit ist. Wir können auch antworten, dass der Entzug von Wohltaten an sich eine Strafe ist.