II-II, q. 146 a. 2
Ob die Enthaltsamkeit eine spezielle Tugend ist?
Quaestio 146 · Von der Enthaltsamkeit
1. Einwand: Es scheint, dass die Enthaltsamkeit keine spezielle Tugend ist. Denn jede Tugend ist für sich selbst lobenswert. Die Enthaltsamkeit aber ist nicht für sich selbst lobenswert; denn Gregor sagt (Pastor. iii, 19), dass "die Tugend der Enthaltsamkeit nur wegen der anderen Tugenden gelobt wird". Also ist die Enthaltsamkeit keine spezielle Tugend.
2. Einwand: Ferner sagt Augustinus (De Fide ad Pet. xlii), dass "die Heiligen sich der Speise und des Trankes enthalten, nicht weil irgendein Geschöpf Gottes böse wäre, sondern lediglich um den Körper zu züchtigen." Dies aber gehört zur Keuschheit, wie ihr Name schon besagt. Also ist die Enthaltsamkeit keine von der Keuschheit verschiedene spezielle Tugend.
3. Einwand: Ferner, wie der Mensch mit mäßiger Speise zufrieden sein soll, so soll er auch mit mäßiger Kleidung zufrieden sein, gemäß 1 Tim 6,8: "Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, so sollen wir damit zufrieden sein." Nun gibt es keine spezielle Tugend darin, mit mäßiger Kleidung zufrieden zu sein. Also auch nicht in der Enthaltsamkeit, welche die Speise mäßigt.
Dagegen spricht, dass Macrobius die Enthaltsamkeit als einen speziellen Teil der Mäßigkeit rechnet.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Q. 136, Art. 1; Q. 141, Art. 3), die moralische Tugend das Gut der Vernunft gegen den Ansturm der Leidenschaften bewahrt: Daher ist überall dort, wo sich ein spezieller Beweggrund findet, warum eine Leidenschaft vom Gut der Vernunft abweicht, eine spezielle Tugend vonnöten. Nun sind die Vergnügungen der Tafel ihrer Natur nach dazu angetan, den Menschen vom Gut der Vernunft abzubringen, sowohl weil sie so groß sind, als auch weil die Speise für den Menschen notwendig ist, der ihrer zur Erhaltung des Lebens bedarf, welches er über alle anderen Dinge begehrt. Deshalb ist die Enthaltsamkeit eine spezielle Tugend.
Zu 1. Einwand: Die Tugenden sind notwendigerweise miteinander verbunden, wie oben dargelegt (FS, Q. 65, Art. 1). Daher empfängt eine Tugend Hilfe und Lob von einer anderen, wie die Gerechtigkeit von der Tapferkeit. Dementsprechend empfängt auf diese Weise die Tugend der Enthaltsamkeit Lob wegen der anderen Tugenden.
Zu 2. Einwand: Der Körper wird mittels der Enthaltsamkeit gezüchtigt, nicht nur gegen die Reize der Wollust, sondern auch gegen jene der Völlerei: da der Mensch durch das Enthalten Kraft gewinnt, um die Anstürme der Völlerei zu überwinden, welche an Stärke zunehmen, je mehr er ihnen nachgibt. Doch wird die Enthaltsamkeit nicht daran gehindert, eine spezielle Tugend zu sein, dadurch dass sie eine Hilfe für die Keuschheit ist, da eine Tugend der anderen hilft.
Zu 3. Einwand: Der Gebrauch von Kleidung wurde durch die Kunst ersonnen, wohingegen der Gebrauch von Speise von der Natur ist. Daher ist es notwendiger, eine spezielle Tugend für die Mäßigung der Speise zu haben als für die Mäßigung der Kleidung.