II-II, q. 146 a. 1
Ob die Enthaltsamkeit eine Tugend ist?
Quaestio 146 · Von der Enthaltsamkeit
1. Einwand: Es scheint, dass die Enthaltsamkeit keine Tugend ist. Denn der Apostel sagt (1 Kor 4,20): "Das Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in Kraft [virtute]." Nun besteht das Reich Gottes nicht in der Enthaltsamkeit, denn der Apostel sagt (Röm 14,17): "Das Reich Gottes ist nicht Speise und Trank", wozu eine Glosse bemerkt, dass "die Gerechtigkeit weder im Enthalten noch im Essen besteht". Also ist die Enthaltsamkeit keine Tugend.
2. Einwand: Ferner sagt Augustinus (Confess. x, 31), an Gott gerichtet: "Dies hast Du mich gelehrt, dass ich die Speise wie eine Arznei nehmen soll." Nun gehört es nicht zur Tugend, sondern zur ärztlichen Kunst, die Arznei zu regeln. Also ist es in gleicher Weise kein Akt der Tugend, sondern der Kunst, die eigene Speise zu regeln, was zur Enthaltsamkeit gehört.
3. Einwand: Ferner hält jede Tugend "die Mitte ein", wie in Ethic. ii, 6 dargelegt wird. Die Enthaltsamkeit aber neigt scheinbar nicht zur Mitte, sondern zum Mangel, da sie einen Entzug bezeichnet. Also ist die Enthaltsamkeit keine Tugend.
4. Einwand: Ferner schließt keine Tugend eine andere Tugend aus. Die Enthaltsamkeit aber schließt die Geduld aus; denn Gregor sagt (Pastor. iii, 19), dass "die Ungeduld nicht selten den Geist des Enthaltsamen aus seiner friedlichen Zurückgezogenheit vertreibt." Ebenso sagt er (ebd.), dass "manchmal die Sünde des Stolzes die Gedanken des Enthaltsamen durchbohrt", so dass die Enthaltsamkeit die Demut ausschließt. Also ist die Enthaltsamkeit keine Tugend.
Dagegen spricht, dass es heißt (2 Petr 1,5.6): "Reicht dar in eurem Glauben die Tugend, in der Tugend aber die Erkenntnis, in der Erkenntnis aber die Enthaltsamkeit"; wo die Enthaltsamkeit unter die anderen Tugenden gezählt wird. Also ist die Enthaltsamkeit eine Tugend.
Ich antworte darauf, dass die Enthaltsamkeit ihrem Namen nach den Entzug von Speise bezeichnet. Daher kann der Begriff Enthaltsamkeit auf zweifache Weise verstanden werden. Erstens als Bezeichnung für den Entzug von Speise schlechthin, und auf diese Weise bezeichnet sie weder eine Tugend noch einen tugendhaften Akt, sondern etwas Indifferentes. Zweitens kann sie als durch die Vernunft geregelt verstanden werden, und dann bezeichnet sie entweder einen tugendhaften Habitus oder einen tugendhaften Akt. Dies ist der Sinn der oben zitierten Worte des Petrus, wo er sagt, dass wir "die Enthaltsamkeit mit der Erkenntnis verbinden" sollen, nämlich dass der Mensch beim Enthalten von Speise mit gebührender Rücksicht auf jene handeln soll, unter denen er lebt, sowie auf seine eigene Person und auf die Erfordernisse der Gesundheit.
Zu 1. Einwand: Der Gebrauch von und die Enthaltsamkeit von Speise, an sich betrachtet, gehören nicht zum Reich Gottes, da der Apostel sagt (1 Kor 8,8): "Speise empfiehlt uns nicht bei Gott. Denn weder werden wir, wenn wir nicht essen, weniger haben, noch wenn wir essen, mehr haben", d.h. geistlich. Dennoch gehören beide zum Reich Gottes, insofern sie vernunftgemäß aus Glauben und Liebe zu Gott geschehen.
Zu 2. Einwand: Die Regelung der Speise hinsichtlich Quantität und Qualität gehört zur ärztlichen Kunst in Bezug auf die Gesundheit des Körpers; hinsichtlich der inneren Affekte aber in Bezug auf das Gut der Vernunft gehört sie zur Enthaltsamkeit. Daher sagt Augustinus (Quaest. Evang. ii, qu. 11): "Es macht für die Tugend keinen Unterschied, was oder wie viel Speise ein Mensch zu sich nimmt, solange er dies mit gebührender Rücksicht auf die Menschen tut, unter denen er lebt, auf seine eigene Person und auf die Erfordernisse seiner Gesundheit; aber es ist von Bedeutung, mit welcher Leichtigkeit und ohne Klage er die Speise entbehrt, wenn er durch Pflicht oder Notwendigkeit gebunden ist, sich zu enthalten."
Zu 3. Einwand: Es gehört zur Mäßigkeit, die Vergnügungen zu zügeln, die für die Seele zu verlockend sind, so wie es zur Tapferkeit gehört, die Seele gegen Ängste zu stärken, die sie vom Gut der Vernunft abschrecken. Deshalb wird, so wie die Tapferkeit wegen eines gewissen Übermaßes gelobt wird, von dem alle Teile der Tapferkeit ihren Namen haben, die Mäßigkeit wegen einer Art von Mangel gelobt, von dem alle ihre Teile benannt werden. Daher wird die Enthaltsamkeit, da sie ein Teil der Mäßigkeit ist, vom Mangel her benannt, und doch hält sie die Mitte ein, insofern sie mit der rechten Vernunft übereinstimmt.
Zu 4. Einwand: Jene Laster resultieren aus der Enthaltsamkeit, insofern sie nicht mit der rechten Vernunft übereinstimmt. Denn die rechte Vernunft lässt einen sich so enthalten, wie man soll, d.h. mit Fröhlichkeit des Herzens und für das gebührende Ziel, d.h. zur Ehre Gottes und nicht der eigenen.