II-II, q. 139 a. 2
Ob die vierte Seligpreisung: „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“, der Gabe der Stärke entspricht?
Quaestio 139 · Von der Gabe der Stärke
1. Einwand: Es scheint, dass die vierte Seligpreisung, „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“, nicht der Gabe der Stärke entspricht. Denn der Tugend der Gerechtigkeit entspricht die Gabe der Frömmigkeit und nicht die Gabe der Stärke. Nun gehören Hunger und Durst nach Gerechtigkeit zum Akt der Gerechtigkeit. Daher entspricht diese Seligpreisung eher der Gabe der Frömmigkeit als der Gabe der Stärke.
2. Einwand: Ferner implizieren Hunger und Durst nach Gerechtigkeit ein Verlangen nach dem Guten. Dies gehört aber eigentlich zur Liebe, der die Gabe der Weisheit und nicht die Gabe der Stärke entspricht, wie oben gesagt wurde (Frage [45]). Daher entspricht diese Seligpreisung nicht der Gabe der Stärke, sondern der Gabe der Weisheit.
3. Einwand: Ferner folgen die Früchte auf die Seligpreisungen, da die Freude wesentlich zur Glückseligkeit gehört, gemäß Ethic. i, 8. Nun scheinen die Früchte keine zu enthalten, die zur Stärke gehört. Daher entspricht ihr auch keine Seligpreisung.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Serm. Dom. in Monte i): „Die Stärke ziemt den Hungernden und Dürstenden: da jene, die wahre Güter zu genießen begehren und irdische und materielle Dinge nicht lieben wollen, sich mühen müssen.“
Ich antworte darauf, dass Augustinus, wie oben gesagt (Frage [121], Artikel [2]), die Seligpreisungen den Gaben gemäß der Reihenfolge zuordnet, in der sie aufgeführt sind, wobei er gleichzeitig eine gewisse Angemessenheit zwischen ihnen beachtet. Daher schreibt er die vierte Seligpreisung, die den Hunger und Durst nach Gerechtigkeit betrifft, der vierten Gabe, nämlich der Stärke, zu.
Doch besteht auch eine gewisse Übereinstimmung zwischen ihnen, weil, wie gesagt (Artikel [1]), die Stärke sich auf schwierige Dinge bezieht. Nun ist es sehr schwierig, nicht nur tugendhafte Taten zu vollbringen, die die allgemeine Bezeichnung von Werken der Gerechtigkeit erhalten, sondern sie darüber hinaus mit einem unersättlichen Verlangen zu tun, was durch Hunger und Durst nach Gerechtigkeit bezeichnet werden kann.
Antwort auf den 1. Einwand: Wie Chrysostomus sagt (Hom. xv in Matth.), können wir hier nicht nur die partikulare, sondern auch die allgemeine Gerechtigkeit verstehen, die sich auf alle tugendhaften Taten bezieht gemäß Ethic. v, 1, worin alles, was schwer ist, Gegenstand jener Stärke ist, die eine Gabe ist.
Antwort auf den 2. Einwand: Die Liebe ist die Wurzel aller Tugenden und Gaben, wie oben gesagt wurde (Frage [23], Artikel [8], ad 3; I-II, Frage [68], Artikel [4], ad 3). Daher kann alles, was zur Stärke gehört, auch auf die Liebe bezogen werden.
Antwort auf den 3. Einwand: Es gibt zwei Früchte, die der Gabe der Stärke hinreichend entsprechen: nämlich die Geduld, die das Ertragen von Übeln betrifft, und die Langmut, die das lange Warten und die Vollendung von Gütern betreffen kann.