II-II, q. 139 a. 1
Ob die Stärke eine Gabe ist?
Quaestio 139 · Von der Gabe der Stärke
1. Einwand: Es scheint, dass die Stärke keine Gabe ist. Denn die Tugenden unterscheiden sich von den Gaben; die Stärke aber ist eine Tugend. Also darf sie nicht als Gabe gerechnet werden.
2. Einwand: Ferner bleiben die Akte der Gabe im Himmel, wie oben gesagt wurde (I-II, Frage [68], Artikel [6]). Der Akt der Stärke aber bleibt nicht im Himmel; denn Gregor sagt (Moral. i), dass „die Stärke die Kleinmütigen gegen Widrigkeiten ermutigt, welche im Himmel gänzlich fehlen werden.“ Also ist die Stärke keine Gabe.
3. Einwand: Ferner sagt Augustinus (De Doctr. Christ. ii), dass „es ein Zeichen von Stärke ist, sich von allen tödlichen Genüssen der vergänglichen Welt loszureißen.“ Nun gehören schädliche Genüsse und Vergnügungen eher zur Mäßigung als zur Stärke. Daher scheint es, dass die Stärke nicht die Gabe ist, die der Tugend der Stärke entspricht.
Dagegen spricht, dass die Stärke unter den anderen Gaben des Heiligen Geistes aufgezählt wird (Jes 11,2).
Ich antworte darauf, dass Stärke eine gewisse Festigkeit des Gemüts bezeichnet, wie oben gesagt wurde (Frage [123], Artikel [2]; I-II, Frage [61], Artikel [3]); und diese Festigkeit des Gemüts ist erforderlich, sowohl um Gutes zu tun als auch um Übel zu ertragen, besonders im Hinblick auf Güter oder Übel, die schwierig sind. Nun kann der Mensch gemäß seiner eigenen und wesensgemäßen Weise diese Festigkeit in beiderlei Hinsicht haben, so dass er das Gute nicht wegen Schwierigkeiten verlässt, sei es bei der Vollbringung eines mühsamen Werkes oder beim Ertragen schweren Übels. In diesem Sinne bezeichnet Stärke eine spezielle oder allgemeine Tugend, wie oben dargelegt (Frage [123], Artikel [2]).
Doch darüber hinaus wird das menschliche Gemüt vom Heiligen Geist bewegt, damit er das Ziel eines jeden begonnenen Werkes erreiche und jeglichen drohenden Gefahren entgehe. Dies übersteigt die menschliche Natur: denn manchmal steht es nicht in der Macht des Menschen, das Ziel seines Werkes zu erreichen oder Übeln und Gefahren zu entgehen, da diese ihn bisweilen im Tode überwältigen können. Der Heilige Geist aber wirkt dies im Menschen, indem er ihn zum ewigen Leben führt, welches das Ziel aller guten Werke und die Befreiung von allen Gefahren ist. Eine gewisse Zuversicht darauf wird dem Gemüt durch den Heiligen Geist eingegossen, der jede Furcht vor dem Gegenteil vertreibt. In diesem Sinne wird die Stärke als eine Gabe des Heiligen Geistes gerechnet. Denn es wurde oben gesagt (I-II, Frage [68], Artikel [1], 2), dass die Gaben die Bewegung des Gemüts durch den Heiligen Geist betreffen.
Antwort auf den 1. Einwand: Die Stärke als Tugend vervollkommnet das Gemüt im Ertragen aller Gefahren, welcher Art auch immer; aber sie geht nicht so weit, die Zuversicht zu geben, alle Gefahren zu überwinden: dies gehört zur Stärke, die eine Gabe des Heiligen Geistes ist.
Antwort auf den 2. Einwand: Die Gaben haben im Himmel nicht dieselben Akte wie auf dem Weg: denn sie üben Akte in Verbindung mit dem Genuss des Endziels aus. Daher besteht der Akt der Stärke dort darin, die volle Sicherheit vor Mühsal und Übel zu genießen.
Antwort auf den 3. Einwand: Die Gabe der Stärke bezieht sich auf die Tugend der Stärke nicht nur, weil sie im Ertragen von Gefahren besteht, sondern auch insofern sie im Vollbringen irgendeines schwierigen Werkes besteht. Deshalb wird die Gabe der Stärke durch die Gabe des Rates geleitet, welche sich vornehmlich mit den größeren Gütern zu befassen scheint.