II-II, q. 135 a. 2
Ob der Knauserei ein Laster entgegengesetzt ist?
Quaestio 135 · Von der Knauserei
Einwand 1: Es scheint, dass der Knauserei kein Laster entgegengesetzt ist. Denn Groß ist das Gegenteil von Klein. Nun ist Prachtliebe kein Laster, sondern eine Tugend. Also ist der Knauserei kein Laster entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner, da Knauserei ein Laster durch Mangel ist, wie oben gesagt (Artikel [1]), scheint es, dass, wenn irgendein Laster der Knauserei entgegengesetzt wäre, dieses lediglich in übermäßigem Ausgeben bestünde. Aber jene, die viel ausgeben, wo sie wenig ausgeben sollten, geben wenig aus, wo sie viel ausgeben sollten, gemäß Ethic. iv, 2, und so haben sie etwas von der Knauserei an sich. Also gibt es kein der Knauserei entgegengesetztes Laster.
Einwand 3: Ferner empfangen moralische Handlungen ihre Spezies vom Ziel, wie oben gesagt (Artikel [1]). Nun tun jene, die übermäßig ausgeben, dies, um ihren Reichtum zur Schau zu stellen, wie in Ethic. iv, 2 gesagt wird. Dies aber gehört zur Ruhmsucht [inanis gloria], welche der Großherzigkeit [magnanimitas] entgegengesetzt ist, wie oben gesagt (Frage [131], Artikel [2]). Also ist der Knauserei kein Laster entgegengesetzt.
Dagegen spricht die Autorität des Philosophen, der (Ethic. ii, 8; iv, 2) die Prachtliebe als eine Mitte zwischen zwei entgegengesetzten Lastern ansetzt.
Ich antworte darauf, dass Groß dem Klein entgegengesetzt ist. Auch sind Klein und Groß relative Begriffe, wie oben gesagt (Artikel [1]). Nun kann, so wie eine Ausgabe im Vergleich zum Werk klein sein kann, sie auch im Vergleich zum Werk groß sein, indem sie die Proportion übersteigt, welche die Vernunft zwischen Ausgabe und Werk zu bestehen fordert. Daher ist es offenkundig, dass dem Laster der Knauserei, durch welches ein Mensch beabsichtigt, weniger auszugeben als sein Werk wert ist, und so die geschuldete Proportion zwischen seiner Ausgabe und seinem Werk verfehlt, ein Laster entgegengesetzt ist, durch welches ein Mensch eben diese Proportion überschreitet, indem er mehr ausgibt, als seinem Werk angemessen ist. Dieses Laster wird im Griechischen {banausia} genannt, so benannt vom griechischen {baunos}, weil es wie das Feuer im Ofen alles verzehrt. Es wird auch {apyrokalia} genannt, d.h. mangelndes gutes Feuer, da es wie Feuer alles verzehrt, aber nicht für einen guten Zweck. Daher kann es im Lateinischen „consumptio“ [Verschwendung] genannt werden.
Antwort auf Einwand 1: Prachtliebe wird so genannt aufgrund des großen Werkes, das getan wird, aber nicht aufgrund dessen, dass die Ausgabe im Übermaß zum Werk steht: denn dies gehört zu dem Laster, welches der Knauserei entgegengesetzt ist.
Antwort auf Einwand 2: Einem und demselben Laster sind die Tugend, welche die Mitte wahrt, und ein gegenteiliges Laster entgegengesetzt. Dementsprechend also ist das Laster der Verschwendung der Knauserei darin entgegengesetzt, dass es in der Ausgabe den Wert des Werkes übersteigt, indem es viel ausgibt, wo es sich ziemte, wenig auszugeben. Aber es ist der Prachtliebe entgegengesetzt aufseiten des großen Werkes, welches der Prachtliebende prinzipiell beabsichtigt, insofern es, wenn es sich ziemt, viel auszugeben, wenig oder nichts ausgibt.
Antwort auf Einwand 3: Verschwendung ist der Knauserei durch die eigentliche Spezies ihres Aktes entgegengesetzt, da sie die Regel der Vernunft überschreitet, wohingegen die Knauserei hinter ihr zurückbleibt. Doch hindert dies nicht, dass sie auf das Ziel eines anderen Lasters hingeordnet wird, wie etwa der Ruhmsucht oder irgendeines anderen.