II-II, q. 135 a. 1
Ob die Knauserei ein Laster ist?
Quaestio 135 · Von der Knauserei
Einwand 1: Es scheint, dass die Knauserei [parvificentia] kein Laster ist. Denn so wie die Tugend große Dinge mäßigt, so mäßigt sie auch kleine Dinge; weshalb sowohl der Freigebige als auch der Prachtliebende kleine Dinge tun. Die Prachtliebe [magnificentia] aber ist eine Tugend. Also ist gleichermaßen die Knauserei eher eine Tugend als ein Laster.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. iv, 2), dass „genaues Rechnen knauserig ist“. Aber genaues Rechnen ist anscheinend lobenswert, da das Gute des Menschen darin besteht, der Vernunft gemäß zu sein, wie Dionysius feststellt (Div. Nom. iv, 4). Also ist die Knauserei kein Laster.
Einwand 3: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. iv, 2), dass „ein Knauser ungern Geld ausgibt“. Dies aber gehört zur Habsucht oder zur Unfreigebigkeit [illiberalitas]. Also ist die Knauserei kein von den anderen verschiedenes Laster.
Dagegen spricht, dass der Philosoph (Ethic. ii) die Knauserei als ein spezielles Laster zählt, das der Prachtliebe entgegengesetzt ist.
Ich antworte darauf, dass, wie oben ausgeführt (I-II, Frage [1], Artikel [3]; I-II, Frage [18], Artikel [6]), moralische Handlungen ihre Spezies vom Ziel her empfangen, weshalb sie in vielen Fällen nach diesem Ziel benannt werden. Demgemäß wird ein Mensch knauserig [parvificus] genannt, weil er beabsichtigt, etwas Kleines [parvum] zu tun. Nun sind gemäß dem Philosophen (De Praedic. Cap. Ad aliquid) groß und klein relative Begriffe; und wenn wir sagen, dass ein knauseriger Mensch beabsichtigt, etwas Kleines zu tun, so muss dies in Bezug auf die Art des Werkes verstanden werden, das er tut. Dies kann auf zweifache Weise klein oder groß sein: zum einen in Bezug auf das zu verrichtende Werk selbst, zum anderen in Bezug auf die Ausgaben. Dementsprechend beabsichtigt der prachtliebende Mensch prinzipiell die Größe seines Werkes und sekundär die Größe der Ausgaben, welche er nicht scheut, damit er ein großes Werk hervorbringe. Weshalb der Philosoph sagt (Ethic. iv, 4), dass „der Prachtliebende mit gleichem Aufwand ein prachtvolleres Ergebnis erzielen wird“. Andererseits beabsichtigt der Knauser prinzipiell, wenig auszugeben, weshalb der Philosoph sagt (Ethic. iv, 2), dass „er danach trachtet, wie er am wenigsten ausgeben kann“. Als Folge davon beabsichtigt er, ein kleines Werk hervorzubringen, das heißt, er schreckt nicht davor zurück, ein kleines Werk hervorzubringen, solange er nur wenig ausgibt. Weshalb der Philosoph sagt, dass „der Knauser, nachdem er große Ausgaben getätigt hat, das Gute“ des prachtvollen Werkes „einbüßt für eine Kleinigkeit“, die er nicht auszugeben bereit ist. Daher ist es offensichtlich, dass der Knauser es versäumt, die Proportion einzuhalten, welche die Vernunft zwischen Ausgabe und Werk fordert. Das Wesen des Lasters besteht nun darin, dass es verfehlt, das zu tun, was der Vernunft gemäß ist. Daher ist es offenkundig, dass Knauserei ein Laster ist.
Antwort auf Einwand 1: Die Tugend mäßigt kleine Dinge gemäß der Regel der Vernunft; von dieser Regel weicht der Knauser ab, wie im Artikel dargelegt. Denn er wird nicht Knauser genannt, weil er kleine Dinge mäßigt, sondern weil er von der Regel der Vernunft abweicht, indem er große oder kleine Dinge mäßigt: daher ist Knauserei ein Laster.
Antwort auf Einwand 2: Wie der Philosoph sagt (Rhet. ii, 5), „macht Furcht uns ratschlagend“: weshalb ein Knauser sorgfältig in seinen Berechnungen ist, weil er eine ungeordnete Furcht hat, seine Güter auszugeben, selbst in Dingen von geringstem Belang. Daher ist dies nicht lobenswert, sondern sündhaft und tadelnswert, weil der Mensch dann seine Neigungen nicht gemäß der Vernunft regelt, sondern im Gegenteil seine Vernunft zur Verfolgung seiner ungeordneten Neigungen gebraucht.
Antwort auf Einwand 3: So wie der Prachtliebende dies mit dem Freigebigen gemein hat, dass er sein Geld bereitwillig und mit Freude ausgibt, so ist auch der Knauser gemeinsam mit dem Unfreigebigen oder Habsüchtigen unwillig und langsam im Ausgeben. Doch unterscheiden sie sich darin, dass die Unfreigebigkeit gewöhnliche Ausgaben betrifft, während die Knauserei große Ausgaben betrifft, was eine schwierigere Leistung ist; weshalb Knauserei weniger sündhaft ist als Unfreigebigkeit. Daher sagt der Philosoph (Ethic. iv, 2), dass „obwohl Knauserei und ihr entgegengesetztes Laster sündhaft sind, sie dem Menschen keine Schande bringen, da sie weder dem Nächsten schaden noch sehr schändlich sind“.