II-II, q. 131 a. 1
Ob der Ehrgeiz eine Sünde ist?
Quaestio 131 · Vom Ehrgeiz
1. Einwand: Es scheint, dass der Ehrgeiz keine Sünde ist. Denn Ehrgeiz bezeichnet das Verlangen nach Ehre. Nun ist die Ehre an sich etwas Gutes und das größte der äußeren Güter; weshalb jene getadelt werden, die sich nicht um die Ehre kümmern. Also ist der Ehrgeiz keine Sünde, sondern eher etwas Lobenswertes, insofern ein Gut auf lobenswerte Weise begehrt wird.
2. Einwand: Ferner kann jeder ohne Sünde das begehren, was ihm als Lohn gebührt. Nun ist die Ehre der Lohn der Tugend, wie der Philosoph sagt (Ethic. 1, 12; 4, 3; 8, 14). Also ist der Ehrgeiz nach Ehre keine Sünde.
3. Einwand: Ferner ist das, was den Menschen zum Guten ermutigt und vom Bösen abhält, keine Sünde. Nun ermutigt die Ehre die Menschen, Gutes zu tun und Böses zu meiden; so sagt der Philosoph (Ethic. 3, 8), dass „bei den tapfersten Männern die Feiglinge in Unehre gehalten werden, die Tapferen aber in Ehre“: und Tullius sagt (De Tusc. Quaest. 1), dass „die Ehre die Künste fördert“. Also ist der Ehrgeiz keine Sünde.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (1 Kor 13,5): „Die Liebe ist nicht ehrgeizig, sie sucht nicht das Ihre.“ Nun ist der Liebe nichts entgegengesetzt außer der Sünde. Also ist der Ehrgeiz eine Sünde.
Ich antworte darauf, dass, wie oben ausgeführt (Q. 103, Art. 1, 2), Ehre die Ehrfurcht bezeichnet, die einer Person zum Zeugnis ihrer Vorzüglichkeit erwiesen wird. Nun sind in Bezug auf die Ehre des Menschen zwei Dinge zu betrachten. Das erste ist, dass ein Mensch das, worin er sich auszeichnet, nicht aus sich selbst hat, denn dies ist gleichsam etwas Göttliches in ihm; weshalb aus diesem Grund die Ehre hauptsächlich nicht ihm, sondern Gott gebührt. Der zweite Punkt, der beachtet werden muss, ist, dass das, worin der Mensch sich auszeichnet, ihm von Gott gegeben ist, damit er anderen damit nütze: weshalb ein Mensch sich insoweit darüber freuen soll, dass andere Zeugnis von seiner Vorzüglichkeit ablegen, als ihn dies befähigt, anderen zu nützen.
Nun kann das Verlangen nach Ehre auf dreifache Weise ungeordnet sein. Erstens, wenn ein Mensch die Anerkennung einer Vorzüglichkeit begehrt, die er nicht besitzt: dies heißt, mehr als seinen Anteil an Ehre zu begehren. Zweitens, wenn ein Mensch Ehre für sich selbst begehrt, ohne sie auf Gott zurückzuführen. Drittens, wenn das Begehren des Menschen in der Ehre selbst ruht, ohne sie auf den Nutzen der anderen zu beziehen. Da also Ehrgeiz das ungeordnete Verlangen nach Ehre bezeichnet, ist es offensichtlich, dass er immer eine Sünde ist.
Antwort auf den 1. Einwand: Das Verlangen nach dem Guten muss gemäß der Vernunft geregelt sein, und wenn es dieses Maß überschreitet, wird es sündhaft sein. Auf diese Weise ist es sündhaft, Ehre im Widerspruch zur Ordnung der Vernunft zu begehren. Jene aber werden getadelt, die sich nicht um die Ehre kümmern, in Übereinstimmung mit dem Diktat der Vernunft, dass sie das meiden sollten, was der Ehre zuwiderläuft.
Antwort auf den 2. Einwand: Ehre ist nicht der Lohn der Tugend in Bezug auf den tugendhaften Menschen, in dem Sinne, dass er sie als seinen Lohn suchen sollte: da der Lohn, den er sucht, die Glückseligkeit ist, welche das Ziel der Tugend ist. Aber sie wird als Lohn der Tugend bezeichnet in Bezug auf die anderen, die nichts Größeres als die Ehre haben, womit sie den Tugendhaften belohnen können; welche Ehre ihre Größe eben aus der Tatsache ableitet, dass sie Zeugnis von der Tugend ablegt. Daher ist es offensichtlich, dass sie kein adäquater Lohn ist, wie in Ethic. 4, 3 dargelegt wird.
Antwort auf den 3. Einwand: So wie einige durch das Verlangen nach Ehre ermutigt werden, Gutes zu tun und vom Bösen abgehalten werden, wenn diese im rechten Maß begehrt wird; so kann sie, wenn sie ungeordnet begehrt wird, für den Menschen zum Anlass werden, viele böse Dinge zu tun, etwa wenn ein Mensch sich nicht darum kümmert, mit welchen Mitteln er Ehre erlangt. Weshalb Sallust sagt (Catilin.), dass „sowohl der Gute als auch der Böse Ehren für sich begehren, aber der eine“, d.h. der Gute, „geht den rechten Weg“, während „der andere“, d.h. der Böse, „aus Mangel an guten Künsten Trug und Falschheit gebraucht“. Doch sind jene, die bloß um der Ehre willen entweder Gutes tun oder Böses meiden, nicht tugendhaft, gemäß dem Philosophen (Ethic. 3, 8), wo er sagt, dass jene, die tapfere Dinge um der Ehre willen tun, nicht wahrhaft tapfer sind.