II-II, q. 130 a. 1
Ob die Vermessenheit eine Sünde ist?
Quaestio 130 · Von der Vermessenheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Vermessenheit keine Sünde ist. Denn der Apostel sagt (Phil 3,13): „Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist.“ Aber es scheint nach Vermessenheit zu schmecken, wenn jemand nach dem strebt, was über ihm ist. Also ist Vermessenheit keine Sünde.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. 10, 7): „Man darf nicht auf jene hören, die dazu raten, als Menschen Menschliches oder als Sterbliche Sterbliches zu bedenken, sondern man muss das bedenken, was unsterblich macht“; und (Metaph. 1): „dass der Mensch, soweit möglich, dem Göttlichen nachjagen soll.“ Nun stehen göttliche und unsterbliche Dinge scheinbar weit über dem Menschen. Da also die Vermessenheit wesentlich darin besteht, nach dem zu streben, was über einem ist, scheint die Vermessenheit eher etwas Lobenswertes als eine Sünde zu sein.
Einwand 3: Ferner sagt der Apostel (2 Kor 3,5): „Nicht dass wir tüchtig wären, von uns selber etwas zu denken als von uns selber.“ Wenn also Vermessenheit, durch die jemand nach dem strebt, wozu er nicht tüchtig ist, eine Sünde wäre, so scheint es, dass der Mensch nicht einmal erlaubterweise an etwas Gutes denken könnte; was absurd ist. Also ist die Vermessenheit keine Sünde.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Sir 37,3): „O böse Vermessenheit, woher bist du gekommen?“ und eine Glosse antwortet: „Aus dem bösen Willen des Geschöpfes.“ Alles aber, was aus der Wurzel eines bösen Willens kommt, ist Sünde. Also ist die Vermessenheit eine Sünde.
Ich antworte darauf, dass, da alles, was der Natur gemäß ist, von der göttlichen Vernunft geordnet ist, welche die menschliche Vernunft nachahmen soll, alles das, was in Übereinstimmung mit der menschlichen Vernunft gegen die im Allgemeinen in den natürlichen Dingen festgesetzte Ordnung getan wird, lasterhaft und sündhaft ist. Nun ist in allen natürlichen Dingen festgesetzt, dass jede Handlung der Kraft des Handelnden angemessen ist, noch strebt irgendein natürliches Agens danach, das zu tun, was seine Fähigkeit übersteigt. Daher ist es lasterhaft und sündhaft, weil gegen die natürliche Ordnung, dass jemand sich anmaßt, das zu tun, was über seiner Kraft steht: und dies ist es, was mit Vermessenheit gemeint ist, wie schon der Name zeigt. Daher ist es offensichtlich, dass die Vermessenheit eine Sünde ist.
Antwort auf Einwand 1: Nichts hindert, dass etwas über der aktiven Kraft eines natürlichen Dinges steht und doch nicht über der passiven Kraft desselben Dinges: so besitzt die Luft eine passive Kraft, aufgrund derer sie so verändert werden kann, dass sie die Wirkung und Bewegung des Feuers annimmt, welche die aktive Kraft der Luft übertreffen. So wäre es auch sündhaft und vermessen für einen Menschen, wenn er im Zustand unvollkommener Tugend versuchen würde, sofort das zu vollbringen, was zur vollkommenen Tugend gehört. Aber es ist nicht vermessen oder sündhaft, wenn ein Mensch sich bemüht, zur vollkommenen Tugend voranzuschreiten. Auf diese Weise streckte sich der Apostel nach dem aus, was vor ihm lag, nämlich indem er beständig vorwärts schritt.
Antwort auf Einwand 2: Göttliche und unsterbliche Dinge übertreffen den Menschen gemäß der Ordnung der Natur. Doch besitzt der Mensch eine natürliche Kraft, nämlich den Intellekt, wodurch er mit unsterblichen und göttlichen Dingen vereinigt werden kann. In dieser Hinsicht sagt der Philosoph, dass „der Mensch unsterblichen und göttlichen Dingen nachjagen soll“, nicht dass er tun soll, was Gott zu tun zukommt, sondern dass er mit Ihm in Intellekt und Wille vereinigt sein soll.
Antwort auf Einwand 3: Wie der Philosoph sagt (Ethic. 3, 3), „können wir das, was wir mit Hilfe anderer tun können, in gewissem Sinne selbst tun.“ Da wir also mit der Hilfe Gottes Gutes denken und tun können, ist dies nicht gänzlich über unserer Fähigkeit. Daher ist es für einen Menschen nicht vermessen, die Vollbringung einer tugendhaften Tat zu versuchen; aber es wäre vermessen, wenn jemand den Versuch ohne Vertrauen auf Gottes Beistand unternehmen würde.