II-II, q. 126 a. 2
Ob die Furchtlosigkeit der Tapferkeit entgegengesetzt ist?
Quaestio 126 · Von der Furchtlosigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Furchtlosigkeit der Tapferkeit nicht entgegengesetzt ist. Denn wir beurteilen Habitus nach ihren Akten. Nun wird kein Akt der Tapferkeit dadurch behindert, dass ein Mensch furchtlos ist: denn wenn die Furcht beseitigt ist, ist man sowohl tapfer im Ertragen als auch kühn im Angreifen. Also ist die Furchtlosigkeit der Tapferkeit nicht entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner ist Furchtlosigkeit ein Laster, entweder durch Mangel an gebührender Liebe, oder aufgrund von Stolz, oder wegen Torheit. Nun ist Mangel an gebührender Liebe der Liebe [Caritas] entgegengesetzt, Stolz der Demut und Torheit der Klugheit oder Weisheit. Also ist das Laster der Furchtlosigkeit nicht der Tapferkeit entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner sind Laster der Tugend entgegengesetzt und Extreme der Mitte. Aber eine Mitte hat nur ein Extrem auf der einen Seite. Da also der Tapferkeit auf der einen Seite die Furcht und auf der anderen die Tollkühnheit entgegengesetzt ist, scheint es, dass die Furchtlosigkeit ihr nicht entgegengesetzt ist.
Dagegen spricht, dass der Philosoph (Ethic. iii) die Furchtlosigkeit als der Tapferkeit entgegengesetzt rechnet.
Ich antworte darauf, wie oben gesagt wurde (Q. 123, A. 3), befasst sich die Tapferkeit mit Furcht und Wagemut. Nun wahrt jede moralische Tugend die vernunftgemäße Mitte in der Materie, mit der sie sich befasst. Daher gehört es zur Tapferkeit, dass der Mensch seine Furcht gemäß der Vernunft mäßigt, nämlich dass er fürchtet, was er soll, und wann er soll, und so weiter. Nun kann dieses Maß der Vernunft entweder durch Übermaß oder durch Mangel verdorben werden. Deshalb ist der Tapferkeit, so wie die Furchtsamkeit durch ein Übermaß an Furcht entgegengesetzt ist, insofern ein Mensch fürchtet, was er nicht soll und wie er nicht soll, ebenso die Furchtlosigkeit durch einen Mangel an Furcht entgegengesetzt, insofern ein Mensch nicht fürchtet, was er fürchten sollte.
Antwort auf Einwand 1: Der Akt der Tapferkeit besteht darin, den Tod ohne Furcht zu ertragen und anzugreifen, nicht irgendwie, sondern gemäß der Vernunft: dies tut der Furchtlose nicht.
Antwort auf Einwand 2: Die Furchtlosigkeit verdirbt ihrer spezifischen Natur nach die Mitte der Tapferkeit, weshalb sie der Tapferkeit direkt entgegengesetzt ist. Aber hinsichtlich ihrer Ursachen hindert nichts daran, dass sie anderen Tugenden entgegengesetzt ist.
Antwort auf Einwand 3: Das Laster der Tollkühnheit ist der Tapferkeit durch ein Übermaß an Wagemut entgegengesetzt, und die Furchtlosigkeit durch einen Mangel an Furcht. Die Tapferkeit erlegt jeder Leidenschaft die Mitte auf. Daher ist es nichts Unvernünftiges, dass sie in verschiedener Hinsicht verschiedene Extreme hat.