II-II, q. 126 a. 1
Ob die Furchtlosigkeit eine Sünde ist?
Quaestio 126 · Von der Furchtlosigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Furchtlosigkeit keine Sünde ist. Denn was dem Gerechten zum Lob angerechnet wird, ist keine Sünde. Nun heißt es zum Lob des Gerechten (Spr 28,1): „Der Gerechte ist ohne Furcht wie ein Löwe.“ Also ist es keine Sünde, ohne Furcht zu sein.
Einwand 2: Ferner ist nichts so furchtbar wie der Tod, wie der Philosoph sagt (Ethic. iii, 6). Doch man soll nicht einmal den Tod fürchten, gemäß Mt 10,28: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten“ usw., noch irgendetwas, das von Menschen zugefügt werden kann, gemäß Jes 51,12: „Wer bist du, dass du dich vor einem sterblichen Menschen fürchtest?“ Also ist es keine Sünde, furchtlos zu sein.
Einwand 3: Ferner entspringt die Furcht aus der Liebe, wie oben gesagt wurde (Q. 125, A. 2). Nun gehört es zur Vollkommenheit der Tugend, nichts Irdisches zu lieben, da nach Augustinus (De Civ. Dei xiv) „die Liebe zu Gott bis zur Selbstverachtung uns zu Bürgern der himmlischen Stadt macht“. Daher ist es scheinbar keine Sünde, nichts Irdisches zu fürchten.
Dagegen spricht, dass es vom ungerechten Richter heißt (Lk 18,2), er habe „Gott nicht gefürchtet und sich vor keinem Menschen gescheut“.
Ich antworte darauf, dass, da die Furcht aus der Liebe geboren wird, über Liebe und Furcht gleich zu urteilen ist. Hier geht es nun um jene Furcht, durch die man zeitliche Übel scheut, und die aus der Liebe zu zeitlichen Gütern resultiert. Jedem Menschen ist es von Natur aus eingepflanzt, sein eigenes Leben und das, was darauf hingeordnet ist, zu lieben; und zwar im gebührenden Maße, das heißt, diese Dinge nicht so zu lieben, dass er sein Ziel in sie setzt, sondern als Dinge, die um des letzten Zieles willen zu gebrauchen sind. Daher ist es der natürlichen Neigung entgegengesetzt und somit eine Sünde, hinter dem gebührenden Maß der Liebe zu ihnen zurückzubleiben. Dennoch fällt man niemals gänzlich von dieser Liebe ab, da das Natürliche nicht völlig verloren gehen kann; weshalb der Apostel sagt (Eph 5,29): „Niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst.“ Daher tun selbst jene, die sich töten, dies aus Liebe zu ihrem eigenen Fleisch, das sie von gegenwärtiger Bedrängnis befreien wollen. Daher kann es geschehen, dass ein Mensch den Tod und andere zeitliche Übel weniger fürchtet, als er sollte, weil er sie [die entgegengesetzten Güter] weniger liebt, als er sollte. Dass er aber keines dieser Dinge fürchtet, kann nicht aus einem völligen Mangel an Liebe resultieren, sondern nur daraus, dass er es für unmöglich hält, von den Übeln betroffen zu werden, die den Gütern entgegenstehen, die er liebt. Dies ist manchmal das Ergebnis von Stolz der Seele, die sich selbst überschätzt und andere verachtet, gemäß dem Wort in Ijob 41,24.25: „Er [Vulg.: ‚wer‘] ist so gemacht, dass er niemanden fürchtet; er schaut auf alles Hohe herab“; und manchmal geschieht es durch einen Mangel der Vernunft; so sagt der Philosoph (Ethic. iii, 7), dass die „Kelten aus Mangel an Verstand nichts fürchten“. Es ist daher offensichtlich, dass Furchtlosigkeit ein Laster ist, sei es, dass sie aus Mangel an Liebe, aus Stolz der Seele oder aus Stumpfheit des Verstandes resultiert; doch letztere entschuldigt von der Sünde, wenn sie unüberwindlich ist.
Antwort auf Einwand 1: Der Gerechte wird dafür gelobt, dass er ohne Furcht ist, die ihn vom Guten abbringt; nicht dass er gänzlich furchtlos ist, denn es steht geschrieben (Sir 1,28): „Wer ohne Furcht ist, kann nicht gerechtfertigt werden.“
Antwort auf Einwand 2: Der Tod und was sonst noch vom sterblichen Menschen zugefügt werden kann, sind nicht so zu fürchten, dass sie uns die Gerechtigkeit verlassen lassen; aber sie sind insofern zu fürchten, als sie den Menschen an Akten der Tugend hindern, sei es in Bezug auf sich selbst oder in Bezug auf den Fortschritt, den er bei anderen bewirken kann. Daher steht geschrieben (Spr 14,16): „Ein Weiser fürchtet sich und meidet das Böse.“
Antwort auf Einwand 3: Zeitliche Güter sind zu verachten, insofern sie uns daran hindern, Gott zu lieben und ihm zu dienen, und aus demselben Grund sind sie nicht zu fürchten; weshalb geschrieben steht (Sir 34,16): „Wer den Herrn fürchtet, wird vor nichts zittern.“ Aber zeitliche Güter sind nicht zu verachten, insofern sie uns instrumentell helfen, jene Dinge zu erlangen, die zur göttlichen Furcht und Liebe gehören.