II-II, q. 121 a. 2
Zweiter Artikel. Ob die zweite Seligpreisung, „Selig sind die Sanftmütigen“, der Gabe der Frömmigkeit entspricht?
Quaestio 121 · Von der Frömmigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die zweite Seligpreisung, „Selig sind die Sanftmütigen“, nicht der Gabe der Frömmigkeit entspricht. Denn die Frömmigkeit ist die der Gerechtigkeit entsprechende Gabe, wozu eher die vierte Seligpreisung gehört: „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“, oder die fünfte Seligpreisung: „Selig sind die Barmherzigen“, da, wie oben gesagt wurde (Artikel [1], Einwand [3]), die Werke der Barmherzigkeit zur Frömmigkeit gehören. Also gehört die zweite Seligpreisung nicht zur Gabe der Frömmigkeit.
Einwand 2: Ferner wird die Gabe der Frömmigkeit durch die Gabe der Wissenschaft geleitet, die mit ihr in der Aufzählung der Gaben (Jes 11) verbunden ist. Nun erstrecken sich Leitung und Ausführung auf dieselbe Materie. Da also die dritte Seligpreisung, „Selig sind die Trauernden“, der Gabe der Wissenschaft entspricht, scheint es, dass die zweite Seligpreisung der Frömmigkeit entspricht.
Einwand 3: Ferner entsprechen die Früchte den Seligpreisungen und Gaben, wie oben gesagt wurde (I-II, Frage [70], Artikel [2]). Nun scheinen unter den Früchten Güte und Wohlwollen eher mit der Frömmigkeit übereinzustimmen als die Milde, welche zur Sanftmut gehört. Also entspricht die zweite Seligpreisung nicht der Gabe der Frömmigkeit.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Serm. Dom. in Monte 1): „Die Frömmigkeit ziemt den Sanftmütigen.“
Ich antworte darauf, dass bei der Zuordnung der Seligpreisungen zu den Gaben eine zweifache Übereinstimmung beachtet werden kann. Die eine ist gemäß der Ordnung, in der sie gegeben werden, und dieser scheint Augustinus gefolgt zu sein; weshalb er die erste Seligpreisung der untersten Gabe zuweist, nämlich der Furcht, und die zweite Seligpreisung, „Selig sind die Sanftmütigen“, der Frömmigkeit, und so weiter. Eine andere Übereinstimmung kann beobachtet werden im Einklang mit der besonderen Natur jeder Gabe und Seligpreisung. Auf diese Weise muss man die Seligpreisungen den Gaben gemäß ihren Objekten und Akten zuordnen; und so würden eher die vierte und fünfte Seligpreisung der Frömmigkeit entsprechen als die zweite. Dennoch hat die zweite Seligpreisung eine gewisse Übereinstimmung mit der Frömmigkeit, insofern die Sanftmut die Hindernisse für die Akte der Frömmigkeit beseitigt.
Dies genügt für die Antwort auf den ersten Einwand.
Antwort auf Einwand 2: Wenn man die Seligpreisungen und Gaben nach ihrer eigentlichen Natur nimmt, müsste dieselbe Seligpreisung der Wissenschaft und der Frömmigkeit entsprechen; wenn man sie aber nach ihrer Ordnung nimmt, entsprechen ihnen verschiedene Seligpreisungen, obwohl eine gewisse Übereinstimmung beobachtet werden kann, wie oben gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Unter den Früchten können Güte und Wohlwollen der Frömmigkeit direkt zugeschrieben werden; die Milde aber indirekt, insofern sie Hindernisse für die Akte der Frömmigkeit beseitigt, wie oben gesagt wurde.