II-II, q. 121 a. 1
Erster Artikel. Ob die Frömmigkeit eine Gabe ist?
Quaestio 121 · Von der Frömmigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Frömmigkeit keine Gabe ist. Denn die Gaben unterscheiden sich von den Tugenden, wie oben gesagt wurde (I-II, Frage [68], Artikel [1]). Die Frömmigkeit aber ist eine Tugend, wie oben gesagt wurde (Frage [101], Artikel [3]). Also ist die Frömmigkeit keine Gabe.
Einwand 2: Ferner sind die Gaben vorzüglicher als die Tugenden, vor allem als die sittlichen Tugenden, wie oben gesagt wurde (I-II, Frage [68], Artikel [8]). Nun ist aber unter den Teilen der Gerechtigkeit die Religion höherstehend als die Frömmigkeit. Wenn also irgendein Teil der Gerechtigkeit als Gabe gerechnet werden soll, scheint es, dass eher die Religion eine Gabe sein sollte als die Frömmigkeit.
Einwand 3: Ferner bleiben die Gaben und ihre Akte im Himmel bestehen, wie oben gesagt wurde (I-II, Frage [68], Artikel [6]). Der Akt der Frömmigkeit aber kann im Himmel nicht verbleiben; denn Gregor sagt (Moral. 1): „Die Frömmigkeit erfüllt das Innerste des Herzens mit Werken der Barmherzigkeit“; und so wird es im Himmel keine Frömmigkeit geben, da es dort kein Elend geben wird [vgl. Frage [30], Artikel [1]]. Also ist die Frömmigkeit keine Gabe.
Dagegen spricht, dass sie im elften Kapitel des Isaias (Vers 2) unter den Gaben aufgezählt wird.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (I-II, Frage [68], Artikel [1]; I-II, Frage [69], Artikel [1],3), die Gaben des Heiligen Geistes habituelle Verfassungen der Seele sind, durch die sie für die Bewegung durch den Heiligen Geist empfänglich gemacht wird. Der Heilige Geist aber bewegt uns unter anderem dazu, eine kindliche Zuneigung zu Gott zu haben, gemäß Röm 8,15: „Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater.“ Da es nun der Frömmigkeit eigentümlich zukommt, dem Vater Dienst und Ehre zu erweisen, folgt daraus, dass die Frömmigkeit, durch die wir auf Antrieb des Heiligen Geistes Gott als unserem Vater Ehre und Dienst erweisen, eine Gabe des Heiligen Geistes ist.
Antwort auf Einwand 1: Die Frömmigkeit, die dem leiblichen Vater Dienst und Ehre erweist, ist eine Tugend; jene aber, die dies Gott als dem Vater erweist, ist eine Gabe.
Antwort auf Einwand 2: Gott als dem Schöpfer Ehre zu erweisen, was die Religion tut, ist vorzüglicher, als dem leiblichen Vater Ehre zu erweisen, was die Tugend der Frömmigkeit tut. Gott aber als dem Vater Ehre zu erweisen, ist noch vorzüglicher, als Gott als dem Schöpfer und Herrn Ehre zu erweisen. Daher ist die Religion größer als die Tugend der Frömmigkeit, während die Gabe der Frömmigkeit größer ist als die Religion.
Antwort auf Einwand 3: Wie der Mensch durch die Tugend der Frömmigkeit nicht nur dem leiblichen Vater Dienst und Ehre erweist, sondern auch allen seinen Verwandten, weil sie zum Vater gehören, so erweist er durch die Gabe der Frömmigkeit nicht nur Gott Dienst und Ehre, sondern auch allen Menschen aufgrund ihrer Beziehung zu Gott. Daher gehört es zur Frömmigkeit, die Heiligen zu ehren und der Heiligen Schrift nicht zu widersprechen, ob man sie nun versteht oder nicht, wie Augustinus sagt (De Doctr. Christ. 2). Folglich steht sie auch denen bei, die sich im Zustand des Elends befinden. Und obwohl dieser Akt im Himmel keinen Platz hat, besonders nach dem Tag des Gerichts, so wird die Frömmigkeit doch ihren vornehmsten Akt ausüben, nämlich Gott mit kindlicher Zuneigung zu verehren; denn dann vor allem wird dieser Akt erfüllt sein, gemäß Weish 5,5: „Seht, wie sie unter die Kinder Gottes gezählt sind.“ Auch werden die Heiligen einander gegenseitig ehren. Jetzt aber, vor dem Tag des Gerichts, haben die Heiligen auch Mitleid mit jenen, die in diesem elenden Zustand leben.