II-II, q. 116 a. 1
Ob die Streitsucht der Tugend der Freundschaft oder der Umgänglichkeit entgegensteht?
Quaestio 116 · Vom Zank
Einwand 1: Es scheint, dass die Streitsucht nicht der Tugend der Freundschaft oder der Umgänglichkeit entgegensteht. Denn die Streitsucht scheint zur Zwietracht zu gehören, ebenso wie der Hader. Die Zwietracht aber steht der Liebe entgegen, wie oben ausgeführt wurde (Frage [37], Artikel [1]). Also gilt dies auch für die Streitsucht.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Spr 26,21): „Ein zorniger Mann erregt Hader.“ Nun steht der Zorn der Sanftmut entgegen. Also gilt dies auch für den Hader oder die Streitsucht.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Jak 4,1): „Woher kommen Kriege und Streitigkeiten unter euch? Kommen sie nicht daher: aus euren Begierden, die in euren Gliedern streiten?“ Nun scheint es der Mäßigung zuwiderzulaufen, den eigenen Begierden zu folgen. Daher scheint die Streitsucht nicht der Freundschaft, sondern der Mäßigung entgegenzustehen.
Dagegen spricht, dass der Philosoph die Streitsucht der Freundschaft gegenüberstellt (Ethic. iv, 6).
Ich antworte darauf, dass die Streitsucht eigentlich in Worten besteht, wenn nämlich eine Person den Worten einer anderen widerspricht. Nun lassen sich bei diesem Widerspruch zwei Dinge beobachten. Denn manchmal entsteht der Widerspruch aufgrund der Person, die spricht, indem der Widersprechende sich weigert, ihr zuzustimmen, aus einem Mangel an jener Liebe, die die Gemüter vereint; und dies scheint zur Zwietracht zu gehören, die der Liebe (Caritas) entgegengesetzt ist. Bisweilen aber entsteht der Widerspruch deshalb, weil der Sprecher eine Person ist, der gegenüber jemand sich nicht scheut, unangenehm zu sein: Daraus entsteht die Streitsucht, die der oben genannten Freundschaft oder Umgänglichkeit entgegensteht, zu welcher es gehört, sich angenehm gegenüber jenen zu verhalten, mit denen wir zusammenleben. Daher sagt der Philosoph (Ethic. iv, 6), dass „diejenigen, die sich allem widersetzen in der Absicht, unangenehm zu sein, und sich um niemanden scheren, wunderlich und streitsüchtig genannt werden.“
Antwort auf Einwand 1: Der Hader gehört eher zum Widerspruch der Zwietracht, während die Streitsucht zu jenem Widerspruch gehört, der die Absicht hat, zu missfallen.
Antwort auf Einwand 2: Der direkte Gegensatz von Tugenden zu Lastern hängt nicht von ihren Ursachen ab, da ein Laster aus vielen Ursachen entstehen kann, sondern von der Art ihrer Akte. Und obwohl die Streitsucht bisweilen aus Zorn entsteht, kann sie aus vielen anderen Ursachen entstehen; daher folgt nicht, dass sie direkt der Sanftmut entgegengesetzt ist.
Antwort auf Einwand 3: Jakobus spricht dort von der Begierde, betrachtet als ein allgemeines Übel, aus dem alle Laster entstehen. So sagt eine Glosse zu Röm 7,7: „Das Gesetz ist gut, da es, indem es die Begierde verbietet, alles Böse verbietet.“