II-II, q. 115 a. 1
Ob die Schmeichelei Sünde ist?
Quaestio 115 · Von der Schmeichelei
Einwand 1: Es scheint, dass die Schmeichelei keine Sünde ist. Denn die Schmeichelei besteht in Lobesworten, die einem anderen dargebracht werden, um ihm zu gefallen. Es ist aber keine Sünde, jemanden zu loben, gemäß Spr 31,28: „Ihre Söhne stehen auf und preisen sie glücklich; ihr Mann steht auf und rühmt sie.“ Zudem liegt nichts Böses darin, anderen gefallen zu wollen, gemäß 1 Kor 10,33: „Wie auch ich mich in allen Dingen allen anzupassen suche.“ Also ist die Schmeichelei keine Sünde.
Einwand 2: Ferner steht das Übel im Gegensatz zum Guten und der Tadel zum Lob. Es ist aber keine Sünde, das Böse zu tadeln. Also ist es auch keine Sünde, das Gute zu loben, was zur Schmeichelei zu gehören scheint. Also ist die Schmeichelei keine Sünde.
Einwand 3: Ferner ist die üble Nachrede der Schmeichelei entgegengesetzt. Daher sagt Gregor (Moral. 22, 5), dass die üble Nachrede ein Heilmittel gegen die Schmeichelei ist. „Man muss beachten“, sagt er, „dass wir durch die wunderbare Mäßigung unseres Herrschers oft durch üble Nachrede zerrissen, aber durch unmäßiges Lob erhoben werden, damit die Zunge des Verleumders denjenigen demütige, den die Stimme des Schmeichlers erhebt.“ Die üble Nachrede ist aber ein Übel, wie oben gesagt wurde (Quaestio 73, Artikel 2 und 3). Also ist die Schmeichelei ein Gut.
Dagegen spricht, was eine Glosse zu Ez 13,18 sagt: „Wehe denen, die Kissen unter jeden Ellbogen nähen“, nämlich: „das heißt, süße Schmeichelei“. Also ist die Schmeichelei eine Sünde.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Quaestio 114, Artikel 1, zu 3), obwohl die Freundschaft, von der wir gesprochen haben, oder die Umgänglichkeit, hauptsächlich darauf abzielt, denen zu gefallen, mit denen man zusammenlebt, sie sich dennoch nicht scheut zu missfallen, wenn es darum geht, ein bestimmtes Gut zu erlangen oder ein bestimmtes Übel zu vermeiden. Wenn also jemand danach streben würde, anderen immer angenehm zu sprechen, so würde er das Maß des Gefallens überschreiten und somit durch Übermaß sündigen. Tut er dies in der bloßen Absicht zu gefallen, so wird er „gefallsüchtig“ genannt, nach dem Philosophen (Ethic. 4, 6); tut er es hingegen in der Absicht, daraus einen Gewinn zu ziehen, so wird er „Schmeichler“ oder „Kriecher“ genannt. In der Regel jedoch pflegt man den Begriff „Schmeichelei“ auf alle anzuwenden, die im Umgang mit ihren Mitmenschen das Maß der Tugend im Gefallenwollen durch Worte oder Taten überschreiten wollen.
Antwort auf Einwand 1: Man kann jemanden sowohl gut als auch schlecht loben, je nachdem, ob man die gebührenden Umstände beachtet oder unterlässt. Denn wenn jemand unter Beachtung der übrigen gebührenden Umstände jemanden durch Lob gefallen will, um ihn dadurch zu trösten oder damit er danach strebe, im Guten voranzukommen, so gehört dies zur vorgenannten Tugend der Freundschaft. Zur Schmeichelei aber würde es gehören, wenn man jemanden für Dinge loben wollte, für die er nicht gelobt werden sollte; sei es, weil sie böse sind, gemäß Ps 9,24: „Der Sünder wird gepriesen in den Begierden seiner Seele“; oder weil sie unsicher sind, gemäß Sir 27,8: „Lobe keinen Menschen, bevor er geredet hat“, und wiederum (Sir 11,2): „Lobe keinen Menschen wegen seiner Schönheit“; oder weil zu befürchten ist, dass menschliches Lob ihn zur Ruhmsucht anstachelt, weshalb geschrieben steht (Sir 11,30): „Preise niemanden glücklich vor seinem Tod.“ Ebenso ist es recht, einem Menschen gefallen zu wollen, um die Nächstenliebe zu fördern, damit er darin geistlichen Fortschritt mache. Es wäre aber sündhaft, Menschen um der Ruhmsucht oder des Gewinnes willen gefallen zu wollen, oder ihnen in etwas Bösem zu gefallen, gemäß Ps 52,6: „Gott hat zerstreut die Knochen derer, die den Menschen gefallen“, und gemäß den Worten des Apostels (Gal 1,10): „Wenn ich noch Menschen gefiele, so wäre ich Christi Knecht nicht.“
Antwort auf Einwand 2: Auch das Böse zu tadeln ist sündhaft, wenn die gebührenden Umstände nicht beachtet werden; und ebenso ist es, das Gute zu loben.
Antwort auf Einwand 3: Nichts hindert daran, dass zwei Laster einander entgegengesetzt sind. Daher ist, wie die üble Nachrede böse ist, so auch die Schmeichelei, die ihr zwar hinsichtlich des Gesagten entgegengesetzt ist, nicht aber direkt hinsichtlich des Ziels. Denn die Schmeichelei sucht dem Geschmeichelten zu gefallen, während der Verleumder nicht das Missfallen des Verleumdeten sucht, da er ihn zuweilen im Verborgenen verleumdet, sondern vielmehr dessen Herabwürdigung sucht.