II-II, q. 114 a. 1
Ob die Freundlichkeit eine besondere Tugend ist?
Quaestio 114 · Von der Freundlichkeit, die Leutseligkeit genannt wird.
Einwand 1: Es scheint, dass die Freundlichkeit keine besondere Tugend ist. Denn der Philosoph sagt (Ethic. viii, 3), dass „die vollkommene Freundschaft jene ist, die um der Tugend willen besteht“. Nun ist jede Tugend Ursache der Freundschaft: „da das Gute allen liebenswert ist“, wie Dionysius feststellt (Div. Nom. iv). Deshalb ist die Freundlichkeit keine besondere Tugend, sondern eine Folge jeder Tugend.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. iv, 6) über diese Art von Freund, dass er „alles in rechter Weise hinnimmt, sowohl von denen, die er liebt, als auch von denen, die nicht seine Freunde sind“. Nun scheint es zur Verstellung zu gehören, dass jemand jenen Zeichen der Freundschaft erweist, die er nicht liebt, und dies ist mit der Tugend unvereinbar. Deshalb ist diese Art der Freundlichkeit keine Tugend.
Einwand 3: Ferner hält die Tugend „die Mitte ein, so wie es der Weise bestimmt“ (Ethic. ii, 6). Nun steht geschrieben (Koh 7,5): „Das Herz der Weisen ist dort, wo Trauer ist, und das Herz der Toren dort, wo Fröhlichkeit ist“; weshalb „es dem tugendhaften Mann zukommt, sich am meisten vor der Lust zu hüten“ (Ethic. ii, 9). Nun ist diese Art der Freundschaft gemäß dem Philosophen (Ethic. iv, 6) „wesentlich darauf bedacht, Vergnügen zu teilen, fürchtet aber, Schmerz zu bereiten“. Deshalb ist diese Art der Freundlichkeit keine Tugend.
Dagegen spricht, dass die Vorschriften des Gesetzes sich auf die Akte der Tugend beziehen. Nun steht geschrieben (Sir 4,7): „Mache dich der Gemeinde der Armen gegenüber umgänglich.“ Deshalb ist die Umgänglichkeit, welche wir Freundschaft nennen, eine besondere Tugend.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Quaestio [109], Artikel [2]; I-II, Quaestio [55], Artikel [3]), da die Tugend auf das Gute ausgerichtet ist, dort, wo eine besondere Art des Guten vorliegt, notwendigerweise auch eine besondere Art der Tugend sein muss. Das Gute nun besteht in der Ordnung, wie oben dargelegt (Quaestio [109], Artikel [2]). Und es geziemt dem Menschen, in einer geziemenden Ordnung zu anderen Menschen zu stehen, was ihre gegenseitigen Beziehungen betrifft, sowohl in Worten als auch in Werken, sodass sie sich zueinander in geziemender Weise verhalten. Daher bedarf es einer besonderen Tugend, welche die Geziemtheit dieser Ordnung wahrt: und diese Tugend wird Freundlichkeit genannt.
Antwort auf Einwand 1: Der Philosoph spricht in seiner Ethik von einer zweifachen Freundschaft. Die eine besteht hauptsächlich in der Zuneigung, durch die ein Mensch den anderen liebt, und diese kann aus jeder Tugend folgen. Wir haben oben, bei der Abhandlung über die Liebe (Caritas) (Quaestio [23], Artikel [1], Artikel [3], ad 1; Quaestiones [25], 26), dargelegt, was zu dieser Art der Freundschaft gehört. Er erwähnt jedoch eine andere Freundlichkeit, die lediglich in äußeren Worten oder Werken besteht; diese hat nicht das vollkommene Wesen der Freundschaft, sondern trägt eine gewisse Ähnlichkeit mit ihr, insofern sich ein Mensch in geziemender Weise gegenüber jenen verhält, mit denen er in Kontakt steht.
Antwort auf Einwand 2: Jeder Mensch ist von Natur aus jedem Menschen Freund durch eine gewisse allgemeine Liebe; so steht auch geschrieben (Sir 13,19), dass „jedes Tier seinesgleichen liebt“. Diese Liebe wird durch Zeichen der Freundschaft ausgedrückt, die wir äußerlich durch Worte oder Werke zeigen, selbst jenen gegenüber, die Fremde oder uns unbekannt sind. Daher liegt hierin keine Verstellung: denn wir zeigen ihnen nicht Zeichen vollkommener Freundschaft, da wir Fremde nicht mit derselben Vertraulichkeit behandeln wie jene, die uns durch besondere Freundschaft verbunden sind.
Antwort auf Einwand 3: Wenn gesagt wird, dass „das Herz der Weisen dort ist, wo Trauer ist“, so bedeutet dies nicht, dass er seinem Nächsten Traurigkeit bereiten soll, denn der Apostel sagt (Röm 14,15): „Wenn dein Bruder wegen deiner Speise betrübt wird, so wandelst du nicht mehr gemäß der Liebe“; sondern dass er den Traurigen Trost spenden soll, gemäß Sir 7,38: „Lass es dir nicht fehlen am Trost für die Weinenden, und geh mit den Trauernden.“ Wiederum ist „das Herz der Toren dort, wo Fröhlichkeit ist“, nicht damit sie andere erfreuen, sondern damit sie die Fröhlichkeit anderer genießen. Demgemäß kommt es dem Weisen zu, seine Vergnügungen mit jenen zu teilen, unter denen er wohnt, nicht wollüstige Vergnügungen, welche die Tugend meidet, sondern ehrbare Vergnügungen, gemäß Ps 132,1: „Seht, wie gut und wie angenehm es ist, wenn Brüder einträchtig beisammen wohnen.“
Dennoch, wie der Philosoph sagt (Ethic. iv, 6), wird der tugendhafte Mann manchmal, um eines daraus folgenden Guten willen oder um ein Übel zu vermeiden, nicht davor zurückschrecken, jenen Traurigkeit zu bereiten, unter denen er lebt. Daher sagt der Apostel (2 Kor 7,8): „Wenn ich euch auch durch meinen Brief traurig gemacht habe, so reut es mich nicht“, und weiter (2 Kor 7,9): „Ich freue mich; nicht darüber, dass ihr traurig geworden seid, sondern darüber, dass ihr zur Reue traurig geworden seid.“ Aus diesem Grund sollten wir jenen, die der Sünde ergeben sind, kein fröhliches Gesicht zeigen, um ihnen zu gefallen, damit wir nicht ihrer Sünde zuzustimmen scheinen und sie gewissermaßen ermutigen, weiter zu sündigen. Daher steht geschrieben (Sir 7,26): „Hast du Töchter? Habe acht auf ihren Leib und zeige ihnen kein fröhliches Angesicht.“