II-II, q. 112 a. 2
Ob die Prahlerei eine Todsünde ist?
Quaestio 112 · Von der Prahlerei
Einwand 1: Es scheint, dass die Prahlerei eine Todsünde ist. Denn es steht geschrieben (Spr 28,25): „Wer prahlt und sich aufbläht, erregt Streitigkeiten.“ Nun ist es eine Todsünde, Streitigkeiten zu erregen, da Gott jene hasst, die Zwietracht säen, gemäß Spr 6,19. Also ist die Prahlerei eine Todsünde.
Einwand 2: Ferner ist alles, was im Gesetz Gottes verboten ist, eine Todsünde. Nun sagt eine Glosse zu Sir 6,2, „Erhebe dich nicht in den Gedanken deiner Seele“: „Dies ist ein Verbot von Prahlerei und Stolz.“ Also ist die Prahlerei eine Todsünde.
Einwand 3: Ferner ist die Prahlerei eine Art Lüge. Sie ist aber weder eine dienliche noch eine scherzhafte Lüge. Dies geht aus dem Ziel des Lügens hervor; denn gemäß dem Philosophen (Ethic. iv, 7) „gibt der Prahler etwas Größeres vor, als er ist, manchmal ohne weiteren Zweck, manchmal um des Ruhmes oder der Ehre willen, manchmal um des Geldes willen.“ Somit ist offensichtlich, dass es weder eine dienliche noch eine scherzhafte Lüge ist, und folglich muss es eine schädliche Lüge sein. Daher ist sie anscheinend immer eine Todsünde.
Dagegen spricht, dass die Prahlerei aus der Ruhmsucht entspringt, gemäß Gregor (Moral. xxxi, 17). Nun ist Ruhmsucht nicht immer eine Todsünde, sondern manchmal eine lässliche Sünde, die nur die sehr Vollkommenen vermeiden. Denn Gregor sagt (Moral. viii, 30), dass „es den sehr Vollkommenen eigen ist, durch äußere Taten so die Ehre ihres Schöpfers zu suchen, dass sie durch das ihnen zuteilwerdende Lob innerlich nicht erhoben werden.“ Also ist die Prahlerei nicht immer eine Todsünde.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Quaestio [110], Artikel [4]), eine Todsünde jene ist, die der Liebe [Caritas] entgegensteht. Demnach kann die Prahlerei auf zweifache Weise betrachtet werden. Erstens in sich selbst, als Lüge, und so ist sie manchmal eine Todsünde und manchmal eine lässliche Sünde. Sie ist eine Todsünde, wenn jemand mit dem prahlt, was der Ehre Gottes entgegensteht – so wird in der Person des Königs von Tyrus gesagt (Ez 28,2): „Dein Herz hat sich erhoben, und du hast gesagt: Ich bin Gott“ – oder der Liebe zum Nächsten entgegensteht, wie wenn jemand, während er von sich selbst prahlt, in Schmähungen gegen andere ausbricht, wie von dem Pharisäer erzählt wird, der sagte (Lk 18,11): „Ich bin nicht wie die übrigen Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, wie auch dieser Zöllner.“ Manchmal ist sie eine lässliche Sünde, wenn nämlich jemand mit Dingen prahlt, die weder gegen Gott noch gegen seinen Nächsten sind. Zweitens kann sie in Bezug auf ihre Ursache betrachtet werden, nämlich Stolz oder das Verlangen nach Gewinn oder Ruhmsucht: und wenn sie dann aus Stolz oder aus einer solchen Ruhmsucht hervorgeht, die eine Todsünde ist, dann wird auch die Prahlerei eine Todsünde sein: andernfalls wird sie eine lässliche Sünde sein. Manchmal jedoch bricht jemand aus Verlangen nach Gewinn in Prahlerei aus, und gerade aus diesem Grund scheint er auf die Täuschung und Schädigung seines Nächsten abzuzielen: weshalb Prahlerei dieser Art eher eine Todsünde ist. Daher sagt der Philosoph (Ethic. iv, 7), dass „ein Mensch, der um des Gewinnes willen prahlt, schändlicher ist als einer, der um des Ruhmes oder der Ehre willen prahlt.“ Doch ist es nicht immer eine Todsünde, weil der Gewinn so beschaffen sein kann, dass er einem anderen Menschen nicht schadet.
Antwort auf Einwand 1: Zu prahlen, um Streitigkeiten zu erregen, ist eine Todsünde. Aber es geschieht manchmal, dass Prahlereien die Ursache von Streitigkeiten sind, nicht absichtlich, sondern akzidentell: und folglich wird die Prahlerei aus diesem Grund keine Todsünde sein.
Antwort auf Einwand 2: Diese Glosse spricht von der Prahlerei, wie sie aus dem Stolz entspringt, der eine Todsünde ist.
Antwort auf Einwand 3: Prahlerei beinhaltet nicht immer eine schädliche Lüge, sondern nur dort, wo sie der Liebe zu Gott oder unserem Nächsten entgegensteht, entweder in sich selbst oder in ihrer Ursache. Dass jemand prahlt, aus bloßem Vergnügen am Prahlen, ist eine eitle Sache, wie der Philosoph bemerkt (Ethic. iv, 7): weshalb es auf eine scherzhafte Lüge hinausläuft. Es sei denn, er würde dies der Liebe zu Gott vorziehen, so dass er um der Prahlerei willen Gottes Gebote verachtet: denn dann wäre es gegen die Liebe Gottes, in Dem allein unser Geist als in seinem letzten Ziel ruhen sollte.
Um des Ruhmes oder Gewinnes willen zu prahlen, scheint eine dienliche Lüge zu beinhalten: vorausgesetzt, es geschieht ohne Schaden für andere, denn dann würde es sogleich zu einer schädlichen Lüge werden.