II-II, q. 112 a. 1
Ob die Prahlerei der Tugend der Wahrheit entgegensteht?
Quaestio 112 · Von der Prahlerei
Einwand 1: Es scheint, dass die Prahlerei nicht der Tugend der Wahrheit entgegensteht. Denn das Lügen steht der Wahrheit entgegen. Man kann aber auch ohne Lüge prahlen, wie wenn jemand seine eigene Vorzüglichkeit zur Schau stellt. So steht geschrieben (Ester 1,3-4), dass Ahasveros „ein großes Festmahl veranstaltete... um den Reichtum seiner Herrlichkeit... zu zeigen“ und „seines Königreiches, sowie die Größe und Prahlerei seiner Macht.“ Also steht die Prahlerei nicht der Tugend der Wahrheit entgegen.
Einwand 2: Ferner wird die Prahlerei von Gregor (Moral. xxiii, 4) zu den vier Arten des Stolzes gerechnet, „wenn“ nämlich „jemand sich rühmt, das zu haben, was er nicht hat.“ Daher steht geschrieben (Jer 48,29-30): „Wir haben gehört vom Stolz Moabs, er ist überaus stolz: seine Hochmut und seine Anmaßung und sein Stolz und die Überheblichkeit seines Herzens. Ich kenne, spricht der Herr, seine Prahlerei, und dass seine Kraft ihr nicht entspricht.“ Überdies sagt Gregor (Moral. xxxi, 7), dass die Prahlerei aus der Ruhmsucht entspringt. Nun stehen aber Stolz und Ruhmsucht der Tugend der Demut entgegen. Also steht die Prahlerei nicht der Wahrheit, sondern der Demut entgegen.
Einwand 3: Ferner scheint die Prahlerei durch Reichtum veranlasst zu sein; weshalb geschrieben steht (Weish 5,8): „Was hat uns der Stolz genützt? Oder welchen Vorteil hat uns das Prahlen mit Reichtum gebracht?“ Nun scheint aber das Übermaß an Reichtum zur Sünde der Habsucht zu gehören, welche der Gerechtigkeit oder der Freigebigkeit entgegensteht. Also steht die Prahlerei nicht der Wahrheit entgegen.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. ii, 7; iv, 7), die Prahlerei stehe der Wahrheit entgegen.
Ich antworte darauf, dass „Jactantia“ [Prahlerei] eigentlich die Erhebung seiner selbst durch Worte bezeichnet: denn wenn jemand eine Sache weit wegwerfen [jactare] will, hebt er sie hoch empor. Und sich selbst zu erheben heißt eigentlich, über sich selbst hinaus von sich zu sprechen. Dies geschieht auf zweifache Weise. Denn manchmal spricht jemand von sich, nicht über das hinaus, was er an sich ist, sondern über das hinaus, wofür er von den Menschen gehalten wird: und dies lehnt der Apostel ab, wenn er sagt (2 Kor 12,6): „Ich unterlasse es, damit nicht jemand von mir höher denke, als was er an mir sieht oder was er von mir hört.“ Auf eine andere Weise erhebt sich jemand in Worten, indem er von sich über das hinaus spricht, was er in Wirklichkeit ist. Und da man über die Dinge eher so urteilen soll, wie sie an sich sind, als wie andere sie einschätzen, folgt daraus, dass Prahlerei eigentlicher die Erhebung seiner selbst über das bezeichnet, was man an sich ist, als die Erhebung über das, was andere von einem denken: obwohl es in beiden Fällen Prahlerei genannt werden kann. Daher steht die Prahlerei im eigentlichen Sinne der Wahrheit im Wege des Übermaßes entgegen.
Antwort auf Einwand 1: Dieser Einwand fasst die Prahlerei auf als das Hinausgehen über die Meinung der Menschen.
Antwort auf Einwand 2: Die Sünde der Prahlerei kann auf zweifache Weise betrachtet werden. Erstens in Bezug auf die Art des Aktes, und so steht sie der Wahrheit entgegen; wie dargelegt (im Hauptteil des Artikels und Quaestio [110], Artikel [2]). Zweitens in Bezug auf ihre Ursache, aus der sie häufiger, wenn auch nicht immer, entsteht: und so geht sie aus dem Stolz hervor als ihrer innerlich bewegenden und antreibenden Ursache. Denn wenn jemand innerlich durch Anmaßung erhoben ist, folgt oft daraus, dass er äußerlich große Dinge über sich prahlt; obwohl jemand manchmal zur Prahlerei greift, nicht aus Anmaßung, sondern aus einer Art Eitelkeit, und sich darin gefällt, weil er gewohnheitsmäßig ein Prahler ist. Daher ist Anmaßung, welche eine Erhebung seiner selbst über sich selbst ist, eine Art des Stolzes; doch ist sie nicht dasselbe wie Prahlerei, sondern sehr oft deren Ursache. Aus diesem Grund rechnet Gregor die Prahlerei zu den Arten des Stolzes. Zudem zielt der Prahler häufig darauf ab, durch seine Prahlerei Ruhm zu erlangen, und so entspringt sie nach Gregor der Ruhmsucht, betrachtet als ihr Ziel.
Antwort auf Einwand 3: Auch Reichtum verursacht Prahlerei, und zwar auf zweifache Weise. Erstens als Gelegenheitsursache, insofern sich jemand seiner Reichtümer rühmt. Daher werden (Spr 8,18) „Reichtümer“ bezeichnenderweise als „stolz“ [bzw. „herrlich“] beschrieben. Zweitens als Ziel der Prahlerei, da gemäß Ethic. iv, 7 manche nicht nur um des Ruhmes willen prahlen, sondern auch um des Gewinnes willen. Solche Leute erfinden Geschichten über sich selbst, um daraus Profit zu schlagen; zum Beispiel geben sie vor, in Medizin, Weisheit oder Wahrsagerei bewandert zu sein.