II-II, q. 11 a. 1
Ob die Häresie eine Art des Unglaubens ist?
Quaestio 11 · Von der Häresie
Einwand 1: Es scheint, dass die Häresie keine Art des Unglaubens ist. Denn der Unglaube befindet sich im Verstand, wie oben dargelegt wurde (Frage [10], Artikel [2]). Die Häresie aber scheint nicht zum Verstand zu gehören, sondern eher zur begehrenden Kraft; denn Hieronymus sagt zu Gal. 5,19: [*Vgl. Decretals xxiv, qu. iii, cap. 27] „Die Werke des Fleisches sind offenbar: Häresie leitet sich von einem griechischen Wort ab, das Wahl bedeutet, wodurch ein Mensch jene Schule wählt, die er für die beste hält.“ Die Wahl aber ist ein Akt der begehrenden Kraft, wie oben dargelegt wurde (FS, Frage [13], Artikel [1]). Also ist die Häresie keine Art des Unglaubens.
Einwand 2: Ferner nimmt das Laster seine Art hauptsächlich vom Ziel her; daher sagt der Philosoph (Ethic. v, 2), dass „wer Ehebruch begeht, um zu stehlen, eher ein Dieb ist als ein Ehebrecher.“ Das Ziel der Häresie aber ist zeitlicher Gewinn, besonders Herrschaft und Ruhm, welche zum Laster des Stolzes oder der Habsucht gehören: denn Augustinus sagt (De Util. Credendi i), dass „ein Häretiker jener ist, der entweder falsche und neue Meinungen erdenkt oder ihnen folgt, um irgendeines zeitlichen Gewinnes willen, besonders damit er herrsche und vor anderen geehrt werde.“ Daher ist die Häresie eher eine Art des Stolzes als des Unglaubens.
Einwand 3: Ferner, da der Unglaube im Verstand ist, scheint er nicht zum Fleisch zu gehören. Die Häresie aber gehört zu den Werken des Fleisches, denn der Apostel sagt (Gal. 5,19): „Offenbar sind die Werke des Fleisches, welche sind: Unzucht, Unreinheit“, und unter den anderen fügt er hinzu: „Spaltungen, Sekten“, was dasselbe ist wie Häresien. Also ist die Häresie keine Art des Unglaubens.
Dagegen spricht, dass die Falschheit der Wahrheit entgegengesetzt ist. Ein Häretiker ist nun einer, der falsche oder neue Meinungen erdenkt oder ihnen folgt. Daher ist die Häresie der Wahrheit entgegengesetzt, auf die sich der Glaube gründet; und folglich ist sie eine Art des Unglaubens.
Ich antworte darauf: Das Wort Häresie bezeichnet, wie im ersten Einwand gesagt, ein Wählen. Die Wahl aber bezieht sich, wie oben dargelegt (FS, Frage [13], Artikel [3]), auf die Dinge, die auf das Ziel hingeordnet sind, wobei das Ziel vorausgesetzt wird. In Glaubensdingen nun stimmt der Wille irgendeiner Wahrheit zu als seinem eigenen Gut, wie oben gezeigt wurde (Frage [4], Artikel [3]): weshalb das, was die Hauptwahrheit ist, den Charakter des letzten Zieles hat, während jene Dinge, die sekundäre Wahrheiten sind, den Charakter dessen haben, was auf das Ziel hingeordnet ist.
Wer nun glaubt, stimmt den Worten eines anderen zu; so dass in jeder Form des Unglaubens die Person, deren Worten Zustimmung gegeben wird, den Hauptplatz einzunehmen und gleichsam das Ziel zu sein scheint; während die Dinge, durch deren Festhalten man jener Person zustimmt, einen sekundären Platz einnehmen. Folglich stimmt derjenige, der den christlichen Glauben recht festhält, durch seinen Willen Christus zu in jenen Dingen, die wahrhaft zu seiner Lehre gehören.
Dementsprechend gibt es zwei Weisen, wie ein Mensch von der Richtigkeit des christlichen Glaubens abweichen kann. Erstens, weil er nicht willens ist, Christus zuzustimmen: und ein solcher Mensch hat einen bösen Willen, sozusagen in Bezug auf das Ziel selbst. Dies gehört zur Art des Unglaubens bei Heiden und Juden. Zweitens, weil er zwar beabsichtigt, Christus zuzustimmen, aber in seiner Wahl jener Dinge fehlgeht, worin er Christus zustimmt, weil er nicht das wählt, was Christus wirklich lehrte, sondern die Eingebungen seines eigenen Geistes.
Daher ist die Häresie eine Art des Unglaubens, die jenen eigen ist, die den christlichen Glauben bekennen, aber seine Dogmen verderben.
Antwort auf Einwand 1: Die Wahl verhält sich zum Unglauben in gleicher Weise, wie sich der Wille zum Glauben verhält, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 2: Laster nehmen ihre Art von ihrem nächsten Ziel, während sie von ihrem entfernten Ziel ihre Gattung und Ursache nehmen. So liegt im Falle des Ehebruchs, der um des Diebstahls willen begangen wird, die Art des Ehebruchs vor, genommen von seinem eigenen Ziel und Gegenstand; aber das letzte Ziel zeigt, dass der Akt des Ehebruchs sowohl das Ergebnis des Diebstahls ist als auch unter ihm eingeschlossen ist, wie eine Wirkung unter ihrer Ursache oder eine Art unter ihrer Gattung, wie aus dem hervorgeht, was wir über Handlungen im Allgemeinen gesagt haben (FS, Frage [18], Artikel [7]). Weshalb auch im vorliegenden Fall das nächste Ziel der Häresie das Festhalten an der eigenen falschen Meinung ist, und davon leitet sie ihre Art ab, während ihr entferntes Ziel ihre Ursache offenbart, nämlich dass sie aus Stolz oder Habsucht entsteht.
Antwort auf Einwand 3: So wie die Häresie so genannt wird, weil sie ein Wählen ist [*Vom Griechischen {airein} [hairein], abschneiden], so leitet die Sekte ihren Namen davon ab, dass sie ein Abschneiden [secando] ist, wie Isidor feststellt (Etym. viii, 3). Weshalb Häresie und Sekte dasselbe sind, und jedes gehört zu den Werken des Fleisches, zwar nicht aufgrund des Aktes des Unglaubens selbst in Bezug auf seinen nächsten Gegenstand, sondern aufgrund seiner Ursache, welche entweder das Verlangen nach einem ungebührlichen Ziel ist – auf welche Weise sie aus Stolz oder Habsucht entsteht, wie im zweiten Einwand dargelegt –, oder irgendeine Täuschung der Einbildungskraft (die Anlass zum Irrtum gibt, wie der Philosoph in Metaph. iv; Ed. Did. iii, 5 feststellt), denn dieses Vermögen hat eine gewisse Verbindung mit dem Fleisch, insofern sein Akt nicht unabhängig von einem körperlichen Organ ist.