II-II, q. 105 a. 2
Ob der Ungehorsam die schwerste der Sünden ist?
Quaestio 105 · Vom Ungehorsam
1. Einwand: Es scheint, dass der Ungehorsam die schwerste der Sünden ist. Denn es steht geschrieben (1 Sam 15,23): „Wie die Sünde der Wahrsagerei ist das Widerstreben, und wie das Verbrechen des Götzendienstes, sich zu weigern zu gehorchen.“ Der Götzendienst aber ist die schwerste der Sünden, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [94], Artikel [3]). Also ist der Ungehorsam die schwerste der Sünden.
2. Einwand: Ferner ist die Sünde wider den Heiligen Geist eine solche, die die Hindernisse der Sünde beseitigt, wie oben dargelegt (Quaestio [14], Artikel [2]). Nun bringt der Ungehorsam den Menschen dazu, ein Gebot zu verachten, welches mehr als alles andere den Menschen am Sündigen hindert. Also ist der Ungehorsam eine Sünde wider den Heiligen Geist und folglich die schwerste der Sünden.
3. Einwand: Ferner sagt der Apostel (Röm 5,19), dass „durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern gemacht wurden“. Nun ist die Ursache anscheinend größer als ihre Wirkung. Daher scheint der Ungehorsam eine schwerere Sünde zu sein als die anderen, die dadurch verursacht werden.
Dagegen spricht: Die Verachtung des Befehlenden ist eine schwerere Sünde als die Verachtung seines Befehls. Nun richten sich einige Sünden gegen die Person des Befehlenden selbst, wie Gotteslästerung und Mord. Also ist der Ungehorsam nicht die schwerste der Sünden.
Ich antworte darauf: Nicht jeder Ungehorsam ist gleichermaßen Sünde: denn ein Ungehorsam kann auf zwei Arten größer sein als ein anderer. Erstens von Seiten des befehlenden Vorgesetzten, da, obwohl der Mensch jede Sorgfalt darauf verwenden sollte, jedem Vorgesetzten zu gehorchen, es doch eine größere Pflicht ist, einer höheren als einer niedrigeren Autorität zu gehorchen; zum Zeichen dessen wird der Befehl einer niedrigeren Autorität beiseitegesetzt, wenn er dem Befehl einer höheren Autorität widerspricht. Folglich ist es umso schwerwiegender, ihm zu ungehorsam zu sein, je höher die Person ist, die befiehlt: so dass es schwerwiegender ist, Gott ungehorsam zu sein als einem Menschen. Zweitens von Seiten der befohlenen Dinge. Denn die befehlende Person wünscht nicht gleichermaßen die Erfüllung aller ihrer Befehle: da jede solche Person vor allem das Ziel wünscht und das, was dem Ziel am nächsten ist. Daher ist der Ungehorsam umso schwerwiegender, je mehr das nichterfüllte Gebot in der Absicht der befehlenden Person liegt. Was die Gebote Gottes betrifft, so ist es offensichtlich, dass der Ungehorsam gegen dieses Gebot umso schwerwiegender ist, je größer das befohlene Gut ist, weil, da Gottes Wille wesentlich auf das Gute gerichtet ist, Gott umso mehr wünscht, dass es erfüllt wird, je größer das Gut ist. Folglich sündigt derjenige, der dem Gebot der Gottesliebe ungehorsam ist, schwerer als einer, der dem Gebot der Nächstenliebe ungehorsam ist. Andererseits ist der Wille des Menschen nicht immer auf das größere Gut gerichtet: daher ist, wenn wir durch eine bloße Vorschrift eines Menschen gebunden sind, eine Sünde nicht dadurch schwerwiegender, dass ein größeres Gut beiseitegesetzt wird, sondern dadurch, dass das beiseitegesetzt wird, was mehr in der Absicht der befehlenden Person liegt.
Dementsprechend müssen die verschiedenen Grade des Ungehorsams den verschiedenen Graden der Vorschriften entsprechen: weil der Ungehorsam, in dem eine Verachtung des Gebotes Gottes liegt, schon aus der Natur des Ungehorsams schwerwiegender ist als eine gegen einen Menschen begangene Sünde, abgesehen davon, dass letztere ein Ungehorsam gegen Gott ist. Und ich sage dies, weil jeder, der gegen seinen Nächsten sündigt, auch gegen Gottes Gebot handelt. Und wenn das göttliche Gebot in einer noch schwerwiegenderen Materie verachtet wird, ist die Sünde noch schwerer. Der Ungehorsam, der die Verachtung der Vorschrift eines Menschen beinhaltet, ist weniger schwerwiegend als die Sünde, die den Menschen verachtet, der die Vorschrift gemacht hat, weil die Ehrfurcht vor der befehlenden Person Anlass zur Ehrfurcht vor ihrem Befehl geben sollte. In gleicher Weise ist eine Sünde, die direkt eine Verachtung Gottes beinhaltet, wie Gotteslästerung oder dergleichen, schwerwiegender (selbst wenn wir den Ungehorsam gedanklich von der Sünde trennen), als es eine Sünde wäre, die allein die Verachtung von Gottes Gebot beinhaltet.
Antwort auf den 1. Einwand: Dieser Vergleich Samuels ist nicht einer der Gleichheit, sondern der Ähnlichkeit, weil der Ungehorsam auf die Verachtung Gottes zurückfällt, genau wie der Götzendienst es tut, wenngleich letzterer dies in höherem Maße tut.
Antwort auf den 2. Einwand: Nicht jeder Ungehorsam ist eine Sünde wider den Heiligen Geist, sondern nur jener, dem Hartnäckigkeit hinzugefügt ist: denn nicht die Verachtung irgendeines Hindernisses für die Sünde begründet die Sünde wider den Heiligen Geist, sonst wäre die Verachtung irgendeines Gutes eine Sünde wider den Heiligen Geist, da jedes Gut einen Menschen daran hindern kann, eine Sünde zu begehen. Die Sünde wider den Heiligen Geist besteht in der Verachtung jener Güter, die direkt zur Reue und zur Vergebung der Sünden führen.
Antwort auf den 3. Einwand: Die erste Sünde unserer Stammeltern, von der die Sünde auf alle Menschen übertragen wurde, war nicht Ungehorsam als eine spezielle Sünde betrachtet, sondern Stolz, von dem aus der Mensch dann zum Ungehorsam schritt. Daher scheint der Apostel in diesen Worten den Ungehorsam in seiner Beziehung zu jeder Sünde zu nehmen.