I-II, q. 53 a. 1
Ob ein Habitus verdorben werden kann?
Quaestio 53 · Wie die Gewohnheiten zugrunde gehen oder vermindert werden.
Einwand 1: Es scheint, dass ein Habitus nicht verdorben werden kann. Denn der Habitus ist in seinem Subjekt wie eine zweite Natur; weshalb es angenehm ist, aus dem Habitus heraus zu handeln. Solange nun ein Ding ist, wird seine Natur nicht verdorben. Daher kann auch ein Habitus nicht verdorben werden, solange sein Subjekt verbleibt.
Einwand 2: Ferner, wann immer eine Form verdorben wird, geschieht dies entweder durch die Verderbnis ihres Subjekts oder durch ihr Gegenteil: so endet Krankheit durch die Verderbnis des Lebewesens oder durch das Eintreten der Gesundheit. Nun kann die Wissenschaft, welche ein Habitus ist, nicht durch die Verderbnis ihres Subjekts verloren gehen: denn „der Intellekt“, welcher ihr Subjekt ist, „ist eine unvergängliche Substanz“ (De Anima i, text. 65). In gleicher Weise kann sie auch nicht durch die Einwirkung ihres Gegenteils verloren gehen: da die intelligiblen Spezies einander nicht entgegengesetzt sind (Metaph. vii, text. 52). Daher kann der Habitus der Wissenschaft auf keine Weise verloren gehen.
Einwand 3: Ferner resultiert alle Verderbnis aus irgendeiner Bewegung. Aber der Habitus der Wissenschaft, der in der Seele ist, kann nicht durch eine direkte Bewegung der Seele selbst verdorben werden, da die Seele nicht direkt bewegt wird. Sie wird jedoch indirekt bewegt durch die Bewegung des Körpers: und doch scheint keine körperliche Veränderung fähig zu sein, die im Intellekt wohnenden intelligiblen Spezies zu verderben: da der Intellekt unabhängig vom Körper der eigentliche Sitz der Spezies ist; aus welchem Grund man annimmt, dass Habitus weder durch das Alter noch durch den Tod verloren gehen. Daher kann die Wissenschaft nicht verdorben werden. Aus demselben Grund können auch die Habitus der Tugend nicht verdorben werden, da auch sie in der vernünftigen Seele sind und, wie der Philosoph erklärt (Ethic. i, 10), „die Tugend dauerhafter ist als das Lernen.“
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (De Long. et Brev. Vitae ii), dass „Vergessenheit und Täuschung die Verderbnis der Wissenschaft sind.“ Überdies verliert ein Mensch durch Sündigen einen Habitus der Tugend: und wiederum werden Tugenden durch entgegengesetzte Handlungen erzeugt und verdorben (Ethic. ii, 2).
Ich antworte darauf, dass eine Form direkt durch ihr Gegenteil verdorben wird; indirekt jedoch dadurch, dass ihr Subjekt verdorben wird. Wenn daher ein Habitus ein vergängliches Subjekt hat und eine Ursache, die ein Gegenteil besitzt, kann er auf beide Weisen verdorben werden. Dies ist offensichtlich der Fall bei körperlichen Habitus – zum Beispiel Gesundheit und Krankheit. Jene Habitus aber, die ein unvergängliches Subjekt haben, können nicht indirekt verdorben werden. Es gibt jedoch einige Habitus, die, während sie hauptsächlich in einem unvergänglichen Subjekt wohnen, dennoch sekundär in einem vergänglichen Subjekt wohnen; solch einer ist der Habitus der Wissenschaft, der zwar hauptsächlich im „möglichen“ Intellekt ist, aber sekundär in den sinnlichen Erkenntnisvermögen, wie oben dargelegt (Frage [50], Artikel [3], ad 3). Folglich kann der Habitus der Wissenschaft nicht indirekt von Seiten des „möglichen“ Intellekts verdorben werden, sondern nur von Seiten der niederen sinnlichen Kräfte.
Wir müssen daher untersuchen, ob Habitus dieser Art direkt verdorben werden können. Wenn es also einen Habitus gibt, der ein Gegenteil hat, entweder seiner selbst wegen oder wegen seiner Ursache, so kann er direkt verdorben werden: wenn er aber kein Gegenteil hat, kann er nicht direkt verdorben werden. Nun ist es offensichtlich, dass eine intelligible Spezies, die im „möglichen“ Intellekt wohnt, kein Gegenteil hat; noch kann der tätige Intellekt, welcher die Ursache jener Spezies ist, ein Gegenteil haben. Weshalb, wenn im „möglichen“ Intellekt ein Habitus ist, der unmittelbar durch den tätigen Intellekt verursacht wird, ein solcher Habitus sowohl direkt als auch indirekt unvergänglich ist. Solcher Art sind die Habitus der ersten Prinzipien, sowohl der spekulativen als auch der praktischen, welche durch keinerlei Vergessenheit oder Täuschung verdorben werden können: so wie auch der Philosoph über die Klugheit sagt (Ethic. vi, 5), dass „sie nicht durch Vergessen verloren gehen kann.“ Es gibt jedoch im „möglichen“ Intellekt einen durch die Vernunft verursachten Habitus, nämlich den Habitus der Schlussfolgerungen, welcher Wissenschaft genannt wird, dessen Ursache etwas auf zweifache Weise entgegengesetzt sein kann. Erstens von Seiten eben jener Sätze, welche der Ausgangspunkt der Vernunft sind: denn die Aussage „Das Gute ist nicht gut“ ist der Aussage „Das Gute ist gut“ entgegengesetzt (Peri Herm. ii). Zweitens von Seiten des Vernunftprozesses; insofern ein sophistischer Syllogismus einem dialektischen oder demonstrativen Syllogismus entgegengesetzt ist. Weshalb klar ist, dass eine falsche Vernunft den Habitus einer wahren Meinung oder sogar der Wissenschaft verderben kann. Daher sagt der Philosoph, wie oben erwähnt, dass „Täuschung die Verderbnis der Wissenschaft ist.“ Was die Tugenden betrifft, so sind einige von ihnen intellektuell und wohnen in der Vernunft selbst, wie in Ethic. vi, 1 dargelegt: und auf diese trifft zu, was wir über Wissenschaft und Meinung gesagt haben. Einige jedoch, nämlich die moralischen Tugenden, sind im begehrenden Teil der Seele; und dasselbe kann von den entgegengesetzten Lastern gesagt werden. Nun werden die Habitus des begehrenden Teils darin verursacht, weil es ihm natürlich ist, durch die Vernunft bewegt zu werden. Daher kann ein Habitus, sei es der Tugend oder des Lasters, durch ein Urteil der Vernunft verdorben werden, wann immer ihre Bewegung solchem Laster oder solcher Tugend entgegengesetzt ist, sei es durch Unwissenheit, Leidenschaft oder bewusste Wahl.
Antwort auf Einwand 1: Wie in Ethic. vii, 10 dargelegt, ist ein Habitus wie eine zweite Natur, und doch bleibt er hinter ihr zurück. Und so verhält es sich, dass, während die Natur eines Dinges auf keine Weise von einem Ding weggenommen werden kann, ein Habitus entfernt wird, wenngleich mit Schwierigkeit.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl es kein Gegenteil zu intelligiblen Spezies gibt, so kann es doch ein Gegenteil zu Aussagen und zum Prozess der Vernunft geben, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 3: Die Wissenschaft wird nicht durch die Bewegung des Körpers weggenommen, wenn wir die Wurzel des Habitus selbst betrachten, sondern nur insofern sie sich als Hindernis für den Akt der Wissenschaft erweisen mag; insofern der Intellekt in seinem Akt der sinnlichen Kräfte bedarf, welche durch körperliche Veränderung behindert werden. Aber die intellektuelle Bewegung der Vernunft kann den Habitus der Wissenschaft verderben, sogar was die eigentliche Wurzel des Habitus betrifft. In gleicher Weise kann ein Habitus der Tugend verdorben werden. Wenn dennoch gesagt wird, dass „Tugend dauerhafter ist als das Lernen“, so muss dies verstanden werden nicht in Bezug auf das Subjekt oder die Ursache, sondern auf den Akt: weil der Gebrauch der Tugend durch das ganze Leben fortdauert, wohingegen der Gebrauch des Lernens dies nicht tut.