I-II, q. 53 a. 3
Ob ein Habitus durch bloßes Aufhören der Tätigkeit verdorben oder vermindert wird?
Quaestio 53 · Wie die Gewohnheiten zugrunde gehen oder vermindert werden.
Einwand 1: Es scheint, dass ein Habitus nicht durch bloßes Aufhören der Tätigkeit verdorben oder vermindert wird. Denn Habitus sind dauerhafter als passible Qualitäten, wie wir oben erklärt haben (Frage [49], Artikel [2], ad 3; Frage [50], Artikel [1]). Aber passible Qualitäten werden weder verdorben noch vermindert durch Aufhören der Tätigkeit: denn Weiße wird nicht verringert dadurch, dass sie den Sehsinn nicht affiziert, noch Hitze dadurch, dass sie aufhört, etwas heiß zu machen. Daher werden auch Habitus nicht durch Aufhören der Tätigkeit vermindert oder verdorben.
Einwand 2: Ferner sind Verderbnis und Verminderung Veränderungen. Nun wird nichts ohne eine bewegende Ursache verändert. Da daher das Aufhören der Tätigkeit keine bewegende Ursache impliziert, scheint es nicht, wie ein Habitus durch Aufhören der Tätigkeit vermindert oder verdorben werden kann.
Einwand 3: Ferner sind die Habitus der Wissenschaft und der Tugend in der intellektuellen Seele, welche über der Zeit steht. Nun werden jene Dinge, die über der Zeit stehen, weder zerstört noch vermindert durch die Länge der Zeit. Daher werden auch solche Habitus nicht zerstört oder vermindert durch die Länge der Zeit, wenn man es lange unterlässt, sie auszuüben.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (De Long. et Brev. Vitae ii), dass nicht nur „Täuschung“, sondern auch „Vergessenheit die Verderbnis der Wissenschaft ist.“ Überdies sagt er (Ethic. viii, 5), dass „Mangel an Umgang schon manche Freundschaft aufgelöst hat.“ In gleicher Weise werden andere Habitus der Tugend durch Aufhören der Tätigkeit vermindert oder zerstört.
Ich antworte darauf, dass, wie in Phys. vii, text. 27 dargelegt, ein Ding auf zweifache Weise Ursache von Bewegung ist. Erstens direkt; und ein solches Ding verursacht Bewegung aufgrund seiner eigenen Form; so verursacht Feuer Hitze. Zweitens indirekt; zum Beispiel das, was ein Hindernis beseitigt. Auf diese letztere Weise resultiert die Zerstörung oder Verminderung eines Habitus durch das Aufhören der Tätigkeit, insofern wir nämlich aufhören, einen Akt auszuüben, welcher die Ursachen überwunden hat, die jenen Habitus zerstörten oder schwächten. Denn es wurde dargelegt (Artikel [1]), dass Habitus direkt durch eine entgegengesetzte Einwirkung zerstört oder vermindert werden. Folglich werden alle Habitus, die allmählich durch entgegengesetzte Einwirkungen untergraben werden, welchen durch Akte, die aus jenen Habitus hervorgehen, entgegengewirkt werden muss, durch langes Aufhören der Tätigkeit vermindert oder sogar gänzlich zerstört, wie sowohl im Fall der Wissenschaft als auch der Tugend deutlich zu sehen ist. Denn es ist offensichtlich, dass ein Habitus der moralischen Tugend einen Menschen bereit macht, die Mitte in Taten und Leidenschaften zu wählen. Und wenn ein Mensch es unterlässt, von seinem tugendhaften Habitus Gebrauch zu machen, um seine eigenen Leidenschaften oder Taten zu mäßigen, ist das notwendige Resultat, dass viele Leidenschaften und Taten das Maß der Tugend verfehlen, aufgrund der Neigung des sinnlichen Begehrens und anderer äußerer Einwirkungen. Weshalb die Tugend durch Aufhören der Tätigkeit zerstört oder verringert wird. Dasselbe gilt für die intellektuellen Habitus, welche den Menschen bereit machen, richtig über jene Dinge zu urteilen, die durch seine Einbildungskraft abgebildet werden. Wenn daher der Mensch aufhört, von seinen intellektuellen Habitus Gebrauch zu machen, entstehen fremdartige Phantasiebilder, die ihnen bisweilen entgegengesetzt sind, in seiner Einbildungskraft; so dass, wenn jene Phantasiebilder nicht durch häufigen Gebrauch seiner intellektuellen Habitus gleichsam abgeschnitten oder zurückgehalten werden, der Mensch weniger geeignet wird, richtig zu urteilen, und bisweilen sogar gänzlich zum Gegenteil disponiert wird, und so der intellektuelle Habitus durch Aufhören der Tätigkeit vermindert oder sogar gänzlich zerstört wird.
Antwort auf Einwand 1: Auch Hitze würde zerstört werden, wenn sie aufhörte, Hitze zu geben, falls aus eben diesem Grund die Kälte, welche zerstörerisch für die Hitze ist, zunehmen würde.
Antwort auf Einwand 2: Das Aufhören der Tätigkeit ist eine bewegende Ursache, die zur Verderbnis oder Verminderung beiträgt, indem sie die Hindernisse dafür beseitigt, wie oben erklärt.
Antwort auf Einwand 3: Der intellektuelle Teil der Seele, in sich selbst betrachtet, steht über der Zeit, aber der sinnliche Teil ist der Zeit unterworfen, und daher unterliegt er im Laufe der Zeit der Veränderung hinsichtlich der Leidenschaften des sinnlichen Teils und auch hinsichtlich der Erkenntnisvermögen. Daher sagt der Philosoph (Phys. iv. text. 117), dass die Zeit uns vergessen macht.