I-II, q. 43 a. 2
Ob ein Mangel die Ursache der Furcht ist?
Quaestio 43 · Von der Ursache der Furcht
Einwand 1: Es scheint, dass ein Mangel keine Ursache der Furcht ist. Denn jene, die an der Macht sind, werden sehr gefürchtet. Aber Mangel ist das Gegenteil von Macht. Also ist Mangel keine Ursache der Furcht.
Einwand 2: Ferner ist der Mangel derer, die bereits hingerichtet werden, extrem. Aber dergleichen fürchten sich nicht, wie in Rhet. ii, 5 gesagt wird. Also ist Mangel keine Ursache der Furcht.
Einwand 3: Ferner entstehen Wettkämpfe aus Stärke, nicht aus Mangel. Aber „jene, die kämpfen, fürchten jene, die mit ihnen kämpfen“ (Rhet. ii, 5). Also ist Mangel keine Ursache der Furcht.
Dagegen spricht, dass Gegensätzliches aus gegensätzlichen Ursachen folgt. Aber „Reichtum, Stärke, eine Vielzahl von Freunden und Macht vertreiben die Furcht“ (Rhet. ii, 5). Also wird Furcht durch den Mangel an diesen Dingen verursacht.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel 1), für die Furcht eine zweifache Ursache angesetzt werden kann: eine im Sinne einer materiellen Disposition auf Seiten dessen, der fürchtet; die andere im Sinne einer Wirkursache auf Seiten der gefürchteten Person. Was das Erste betrifft, so ist ein gewisser Mangel an sich die Ursache der Furcht: denn es liegt an einem Mangel an Macht, dass jemand nicht fähig ist, ein drohendes Übel leicht abzuwehren. Und doch muss dieser Mangel, um Furcht zu verursachen, gemäß einem Maß sein. Denn der Mangel, der Furcht vor einem zukünftigen Übel verursacht, ist geringer als der Mangel, der durch ein gegenwärtiges Übel verursacht wird, welches das Objekt der Trauer ist. Und noch größer wäre der Mangel, wenn die Wahrnehmung des Übels oder die Liebe zum Gut, dessen Gegenteil gefürchtet wird, gänzlich fehlten.
Was aber das Zweite betrifft, so sind Macht und Stärke an sich die Ursache der Furcht: denn aufgrund der Tatsache, dass die als schädlich aufgefasste Ursache mächtig ist, kann ihre Wirkung nicht abgewehrt werden. Es kann jedoch in dieser Hinsicht geschehen, dass ein gewisser Mangel akzidentell Furcht verursacht, insofern jemand aufgrund eines Mangels einem anderen schaden will; zum Beispiel aufgrund von Ungerechtigkeit, entweder weil jener andere ihm bereits einen Schaden zugefügt hat oder weil er fürchtet, von ihm geschädigt zu werden.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument ist wahr in Bezug auf die Ursache der Furcht auf Seiten der Wirkursache.
Antwort auf Einwand 2: Jene, die bereits hingerichtet werden, leiden aktuell unter einem gegenwärtigen Übel; weshalb ihr Mangel das Maß der Furcht überschreitet.
Antwort auf Einwand 3: Jene, die miteinander kämpfen, fürchten sich nicht wegen der Macht, die es ihnen ermöglicht zu kämpfen, sondern wegen des Mangels an Macht, aufgrund dessen sie des Sieges nicht sicher sind.