I-II, q. 43 a. 1
Ob die Liebe die Ursache der Furcht ist?
Quaestio 43 · Von der Ursache der Furcht
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe nicht die Ursache der Furcht ist. Denn das, was zu einer Sache führt, ist deren Ursache. Aber „die Furcht führt zur Liebe der Caritas“, wie Augustinus im Kommentar zum kanonischen Brief des Johannes sagt (Tract. ix). Also ist die Furcht die Ursache der Liebe und nicht umgekehrt.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Rhet. ii, 5), dass „jene am meisten gefürchtet werden, von denen wir die Ankunft eines Übels erwarten.“ Aber die Erwartung eines Übels, das von jemandem verursacht wird, bewirkt eher, dass wir ihn hassen als lieben. Also wird Furcht eher durch Hass als durch Liebe verursacht.
Einwand 3: Ferner wurde oben dargelegt (Quaestio 42, Artikel 3), dass jene Dinge, die durch unser eigenes Tun geschehen, nicht furchterregend sind. Was wir aber aus Liebe tun, geschieht aus innerstem Herzen. Also wird Furcht nicht durch Liebe verursacht.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De div. quaest. 83, qu. 33): „Es besteht kein Zweifel, dass es keine Ursache für Furcht gibt, außer dem Verlust dessen, was wir lieben, wenn wir es besitzen, oder dem Nichterlangen dessen, was wir erhoffen.“ Also wird alle Furcht dadurch verursacht, dass wir etwas lieben: und folglich ist die Liebe die Ursache der Furcht.
Ich antworte darauf, dass die Objekte der Seelenleidenschaften zu diesen in Beziehung stehen wie die Formen zu den natürlichen oder künstlichen Dingen: denn die Leidenschaften der Seele erhalten ihre Spezies von ihren Objekten, wie die vorgenannten Dinge von ihren Formen. Daher ist, so wie alles, was Ursache der Form ist, auch Ursache des durch diese Form konstituierten Dinges ist, ebenso alles, was in irgendeiner Weise Ursache des Objekts ist, auch Ursache der Leidenschaft. Nun kann ein Ding auf zweifache Weise Ursache des Objekts sein: entweder als Wirkursache oder als materielle Disposition. So ist das Objekt der Lust das Gute, das als angemessen und verbunden aufgefasst wird: und seine Wirkursache ist das, was die Verbindung oder die Angemessenheit oder die Güte oder die Auffassung jenes guten Dinges bewirkt; seine Ursache im Sinne einer materiellen Disposition hingegen ist ein Habitus oder irgendeine Art von Disposition, aufgrund derer dieses verbundene Gut angemessen wird oder als solches aufgefasst wird.
Dementsprechend ist in der vorliegenden Frage das Objekt der Furcht etwas, das als ein zukünftiges, nahe bevorstehendes und schwer zu vermeidendes Übel eingeschätzt wird. Daher ist dasjenige, was ein solches Übel zufügen kann, die Wirkursache des Objekts der Furcht und folglich der Furcht selbst. Dasjenige hingegen, was einen Menschen so disponiert, dass jenes Ding für ihn ein solches Übel darstellt, ist Ursache der Furcht und ihres Objekts im Sinne einer materiellen Disposition. Und auf diese Weise verursacht die Liebe die Furcht: denn dadurch, dass er ein gewisses Gut liebt, ist alles, was einen Menschen dieses Gutes beraubt, ein Übel für ihn, und folglich fürchtet er es als ein Übel.
Antwort auf Einwand 1: Wie oben dargelegt (Quaestio 42, Artikel 1), blickt die Furcht an sich und primär auf das Übel, vor dem sie zurückschreckt, insofern es einem geliebten Gut entgegengesetzt ist: und so wird die Furcht an sich aus der Liebe geboren. Aber sekundär blickt sie auf die Ursache, aus der jenes Übel folgt: so dass die Furcht manchmal akzidentell Anlass zur Liebe gibt; insofern zum Beispiel der Mensch aus Furcht vor den Strafen Gottes Seine Gebote hält und so zu hoffen beginnt, während die Hoffnung zur Liebe führt, wie oben dargelegt (Quaestio 40, Artikel 7).
Antwort auf Einwand 2: Derjenige, von dem das Übel erwartet wird, wird zwar zunächst gehasst; aber danach, wenn wir einmal beginnen, Gutes von ihm zu erhoffen, beginnen wir, ihn zu lieben. Aber das Gut, dessen gegenteiliges Übel gefürchtet wird, wurde von Anfang an geliebt.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument gilt für das, was die Wirkursache des zu fürchtenden Übels ist: wohingegen die Liebe die Furcht im Sinne einer materiellen Disposition verursacht, wie oben dargelegt.